Dienstag, 5. Januar 2016

Lektüre 2015: Empfehlenswertes und eine große Enttäuschung

Motto: Lesen hilft IMMER


Sachbücher zum Thema Finanzkrise: 
Robert J. Shiller, Irrationaler Überschwang; John Lanchester, Warum jeder jedem etwas schuldet und keiner jemals etwas zurückzahlt; George Packer: Die Abwicklung. Eine innere Geschichte des neuen Amerika.

Zu Packer: Amerikanische Zeitgeschichte in der Ära des Niedergangs der USA, dargestellt an Biographien von bedeutenden und weniger bedeutenden, aber immer auf ihre Weise heroischen US-Amerikanern. Beeindruckend wird gezeigt, wo die Schwächen der USA liegen (im Finanzkapital und deren symbiotischer Beziehung zum politischen System) und die Stärken liegen (im Glauben, dass nur eigene Kraft und Ideen aus der Misere herausführen). Dennoch das Resümee von Packer: „Wallstreet gewinnt immer!“

Bücher zum Thema: Die 68er-Generation, z.B. 
Peter Schneider, Rebellion und Wahn; Gerd Koenen, Das rote Jahrzehnt; Gretchen Dutschke, Wir hatten ein barbarisch schönes Leben; Hubertus Knabe, Die unterwanderte Republik; Götz Aly, Unser Kampf.

Ein Zitat aus dem Buch von Peter Schneider: „Meinen Kinder sage ich: Es ist nötig – und wird immer nötig sein und Mut erfordern -, gegen selbsternannte Herren der Welt und eine feige und übergeschnappte Obrigkeit zu rebellieren. Aber noch mehr Mut gehört dazu, gegen die Führer in der eigenen Gruppe aufzutreten und zu sagen:'Ihr spinnt! Ihr seid total verrückt geworden!' - wenn eben dies der Fall ist.“

Literatur“
Obwohl Ulla Hahn – öfters dialektgesättigt - über ihre Kindheit zwischen Rhein und Bergischem Land schreibt, hatte ich in vielen Details den Eindruck, sie hätte genau so über meine Kindheit in den 50er Jahren im Badischen schreiben können. Von herrlichen Geschichten wie die vom Vertreter für Bett- und Damenwäsche, der saisonal die Frauen des Viertels im wahrsten Sinne des Wortes aufsucht und sie mit seinen Geschichten kaufwillig stimmt bis hin zu den Erlebnissen mit den Frauen in der Fabrik, mit ihren anzüglichen Gesprächen und der bewundernswerten Solidarität auch gegenüber den Ferienjobbern. Verfremdet sieht man in einzelnen Episoden das eigene Leben dargestellt.

Robert Seethaler, Ein ganzes Leben
Auf weniger als 160 Seiten wird ein ganzes Leben eines schlichten Mannes dargestellt, der, vom Schicksal geschlagen, doch immer seine Würde behält. Und der Protagonist wird auch vom Autor nicht vorgeführt, wie es leider in einem anderen Buch passiert, dass für mich die größte Lektüreenttäuschung des abgelaufenen Jahres war:

Jonathan Franzen, Die Korrekturen
Franzen war zur Frankfurter Buchmesse mit seinem neuen Buch „Unschuld“ sozusagen in aller Munde. Deshalb wollte endlich eines seiner ersten Bücher lesen, das schon immer in meinem Regal stand (s.o.): Eine Katastrophe: Ich habe mich 600 Seiten durch das Werk gequält - also bis zur Hälfte des Romans - bevor ich mir widerwillig eingestehen musste, dass dieser Roman total misslungen ist und das Schlechteste ist, was ich von einem amerikanischen Autor in den letzten 30 Jahren gelesen habe: Figuren, Konstellationen und Konflikte werden in unzählig anderen Romanen und Filmen und weitaus präziser und lebendiger dargestellt z.B. von Richard Ford, Stewart O'Nan, James Salter, John Updike u.a. als von Jonathan Franzen. Aber vor allem vermieden es diese Autoren eine Geschichte mit völlig nebensächlichen Details so aufzublähen, dass ein über 1000-seitiges Werk daraus wird.
Jonathan Franzen könnte von Robert Seethaler viel lernen.


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