Samstag, 13. Januar 2018

Meine Straße

Meine Straße ist eigentlich eine Sackgasse, aber eine richtige Gasse ist es auch wieder nicht. Es gibt zwar keine Bürgersteige wie bei einer städtischen Gasse, doch die Häuser stehen nicht eng an eng am Straßenrand, sondern locker mit Abstand zur Straße. Es gibt freie Flächen, unbebautes Land, Vor- und Hintergärten und an manchen Stellen einfach Baumaterial, das rumsteht und auf Gebrauch wartet.




Die Häuser haben maximal 2 Geschosse und die ältesten sind höchstens 80 Jahre alt und stammen aus verschiedenen Epochen seither. Sie sind gepflegt, modernisiert und werden von Familien bewohnt, die weder reich noch arm sind, solider Mittelstand mit Hang zum Do-it-yourself und zur Nachbarschaftshilfe. Nichts ist schon endültig, alles noch im Fluss, Veränderung ist der Normalzustand, und dennoch wirkt alles gelassen und in sich ruhend.



Sackgasse wiederum heißt, es gibt keinen Durchgangs- sondern nur Anliegerverkehr und es sind mehr Fußgänger unterwegs als Autos. Man grüßt sich vertrauensvoll, streichelt den Hund des Nachbarn. An warmen Tagen stehen nachmittags die Erwachsenen auf der Straße und unterhalten sich, die Männer gerne mal mit einer Flasche Bier in der Hand.
Aber das schönste ist: Es ist eine Straße mit Kindern.



Kein Tag vergeht, ohne das drei vier oder mehr Kinder im Alter zwischen 2 und 5 Jahren in meiner Straße zu sehen sind. Bei jedem Wetter und jeder Temperatur fahren sie mit ihrem Bobby-Car, mit dem Laufrad, dem Fahrrad oder auch auf Rollschuhen die Straße vor und zurück, oder sie spielen im Sand der Baustelle mit ihren Gerätschaften.

Sven ist selten ohne seinen Kinder-Werkzeugkasten unterwegs und bedient schon souverän seine Werkzeuge, die Plastikbohrmaschine und die Kettensäge. Louisa fegt mit ihrem rosa Kinderfahrrad über die Straße, stolz auf den rosaroten Schutzhelm. Ihr Zwillingsbruder Mario erkundigt sich immer, wohin ich gehe, was ich eingekauft habe, und überhaupt ...
Björn von gegenüber hilft seinem Vater bei der Umgestaltung des Gartens und der Befestigung der Böschung, und natürlich wird er dabei von Sven tatkräftig unterstützt.

Manchmal bemalen die Kinder mit farbiger Kreide das Verbundpflaster an unserem Haus und freuen sich über die Muster, die sie uns stolz präsentieren. 




Auf dem Nachbargrundstück steht ein Trampolin mit Käfig. Ältere Kinder hüpfen, und ihr Kreischen macht die Jüngeren neidisch.

Ich sitze im Sommer auf der Terrasse, im Winter oft vor dem Fenster, schaue und freue mich.




Nur vormittags ist wenig los. Dann sind alle Kinder im Kindergarten, der praktischerweise direkt am Anfang der Straße liegt.




Meine Straße ist eine ganz besondere Straße mit viel Herz.



Donnerstag, 21. Dezember 2017

La France, Französisch and Me #3 - Les classes populaires

Französisch ist eine einfache Sprache: Unterschiedliche Phänomene kann mit einem einzigen Begriff erklären:


Übersetzungen für "classes populaires":
Arbeitende Klassen, Arbeiterklasse, Unterschicht, untere Klassen, untere Schichten, einfache Bevölkerungsschichten, niedere Schichten, einfaches Volk, einfache Bürger, einfache Volksschichten, Volksbewegung.

Man könnte meinen, es sei ein Problem der Übersetzer. Nein, es ist eines der Autoren: ein einziger Begriff für unterschiedliche soziale Gruppen.
Ich habe es immer vermutet:
"Wer aus dem Französischen ins Deutsche übersetzt, möchte nicht selten den Autor des Originals befragen: Was soll dieser Satz eigentlich bedeuten? Was hatten Sie im Sinn? Häufig weiß der Autor die Frage nicht zu beantworten, und zwar ganz einfach deshalb, weil das Französische ihn nie dazu gezwungen hat, sie sich zu stellen."
Anne Weber: Sie küssen und sie übersetzen sich. In: FAZ vom 7.Oktober 2017, Beilage Seite L2.


Didier Eribon: Die Fortsetzung #1


Didier Eribon hat seinem Megaseller "Rückkehr nach Reims" (hier mein Kommentar dazu) schon 2013 ein Sequel  nachgeschoben, von dem sich der Suhrkamp Verlag ebenfalls viel Umsatz erhoffte (was aber sicher nicht eintraf):
Didier Eribon: Gesellschaft als Urteil.

Es ist ein Buch voller Larmoyanz, Selbstanklage und mit einer deftigen Portion Größenwahn, kurz ein schamloses Buch, dessen Lektüre mir einige Qualen bereitet.

Nur kurz zwei Beispiele für seine nach Generalabsolution heischende Selbstanklage:
Ich konnte "mich der 'symbolischen Gewalt' nicht entziehen, konnte [...] nicht verhindern, dass ich, wie so viele Beherrschte, zu einem Komplizen der beherrschenden Herrschaft wurde. Wir sind so sehr Produkte der Ordnung der sozialen welt, dass wir sie am Ende selbst reproduzieren: Noch wenn man sie anklagt oder auf einer anderen Ebene dafür kämpft, dass sie sich ändert, wie man es gerne hätte, bestätigt man ihre Legitimität und Funktion" (S.63)
"Auf einer noch tieferen Ebene der Analyse muss man allerdings auch feststellen, dass man all die sanften Zwänge und Unterwerfungen, all das, was zum Einstieg ins kulturelle und intellektuelle Milieu (wenn man beispielsweise beginnt, Artikel oder Bücher zu veröffentlichen) notwendig ist, nicht nur erleidet, sondern dass man sich ihm auch bereitwillig unterwirft. Man sucht nach den Zwängen, man verlangt nach ihnen." (S.118f)

Den treffenden Kommentar dazu hat schon vor über 100 Jahren Wilhelm Busch geschrieben:
Kritik des Herzens
Die Selbstkritik hat viel für sich.
Gesetzt den Fall, ich tadle mich,
So hab' ich erstens den Gewinn,
Daß ich so hübsch bescheiden bin;

Zum zweiten denken sich die Leut,
Der Mann ist lauter Redlichkeit;
Auch schnapp' ich drittens diesen Bissen
Vorweg den andern Kritiküssen;

Und viertens hoff' ich außerdem
Auf Widerspruch, der mir genehm.
So kommt es denn zuletzt heraus,
Daß ich ein ganz famoses Haus.

Demnächst mehr zu Eribon, versprochen!

Mittwoch, 20. Dezember 2017

Ach, Edith.

Von Roger Fry - http://www.artnet.de/artwork/424645113/159979/roger-fry-portrait-of-edith-sitwell.html, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=4076482

Edith Sitwell darf man mit gutem Recht als geniales Lästermaul bezeichnen - und sie hätte das gewiss als Kompliment aufgefasst. Zum Beweis meiner Behauptung ein Zitat:
Meinen Eltern mißfiel ich, weil sie gern ein Kind wie das gehabt hätten, das 1788 einer Frau namens Mary Clark geboren worden war: "Die Ärzte fanden ihren Kopf von sonderbarem Aussehen.". Aber diese Merkwürdigkeit "kümmerte sie nicht weiter, denn das Kind verhielt sich in der üblichen Weise, und erst nachdem eingetretenen Tod unbestreitbar war, ...erwies sich, daß es nicht das geringste Anzeichen für das Vorhandensein von Großhirn, Kleinhirn oder Rückenmark gab." Das wäre für meine Eltern ein ideales Kind gewesen. Aber leider habe ich mich nie auf die übliche Weise verhalten, und es ließ sich nicht leugnen, daß ich schon in frühester Kindheit deutliche Anzeichen für das Vorhandensein von Großhirn, Kleinhirn und Rückenmark an den Tag legte. Ich war eine Enttäuschung. Meine achtzehnjährige Mutter hatte geglaubt, sie habe eine neue Puppe bekommen - eine, die auf ihre Aufforderung hin die Augen öffnete und schloß und "Papa" und "Mama" sagte. In dieser Hinsicht wie in jeder anderen erfüllte ich die in mich gesetzten Erwartungen nicht.

Und noch ein Meisterstück ihrer Spottlust:
Eines der schlimmsten dieser unmenschlichen Wesen war Diana Pilkington, angeblich eine Schönheit. Ihr Körper schien genau in zwei Teile geteilt zu sein, von denen der obere aus einem riesigen roten Schinken bestand, der ihr als Gesicht diente; seine untere Hälfte hingegen ähnelte einem jener beinlosen Spielzeuge, die hin und her schaukeln, wenn man sie leicht anstößt.Hinter der gewaltigen ausdruckslosen rosa Fassade war sie ein abgestumpftes Geschöpf,an dem plumpe, ungeformte Gesichtszüge einfach deshalb angebracht waren, weil sie einen Mund brauchte um zu essen, sowie eine Nase, um damit das Elend anderer herauszuschnüffeln.

Sie war keineswegs allein mit dieser Lust am britischen, d.h. exzentrischen Spott. Über den von ihr sehr geschätzten Lord Berners berichtet sie:
Einer seiner Bekannten hatte die unverschämte Gewohnheit, zu ihm zu sagen: "Ich habe mich für sie in die Bresche geworfen". Das wiederholte er einmal zu oft, und Lord Berners erwiderte: "Und ich mich für Sie. Jemand hat behauptet, sie seien es nicht wert, mit Schweinen zu leben, und ich habe gesagt, Sie sind es doch.

Herrliche Zeiten, kein Aufschrei.


Alle Zitate aus: Edith Sitwell, Mein exzentrisches Leben. Fischer Tb-Verlag, Frankfurt a.M., 1997. S.31f; S.53f; S.196

Mehr über Edith Sitwell hier: 
Wikipedia
The Telegraph: Edith Sitwell, Eccentric Genius 


Montag, 4. Dezember 2017

Annie Ernaux ‚Die Jahre‘ / Les années



Klappentext
Kindheit in der Nachkriegszeit, Algerienkrise, die Karriere an der Universität, das Schreiben, eine prekäre Ehe, die Mutterschaft, de Gaulle, das Jahr 1968, Krankheiten und Verluste, die so genannte Emanzipation der Frau, Frankreich unter Mitterrand, die Folgen der Globalisierung, die uneingelösten Verheißungen der Nullerjahre, das eigene Altern. Anhand von Fotografien, Erinnerungen und Aufzeichnungen, von Wörtern, Melodien und Gegenständen vergegenwärtigt Annie Ernaux die Jahre, die vergangen sind. Und dabei schreibt sie ihr Leben - unser Leben, das Leben - in eine völlig neuartige Erzählform ein, in eine kollektive, »unpersönliche Autobiographie«. 


Eine Wiederentdeckung


Die gegenwärtige Popularität von Annie Ernaux in Deutschland - im November 2017 Platz 1 auf der Bestenliste des SWR - ist ganz gewiss ein Resultat des ökonomischen Erfolges der Bücher von Didier Eribon und Eduard Louis, die  beide immer wieder Bezug auf Annie Ernaux nehmen.
Ihr Erfolg reiht sich damit in eine ganze Reihe „soziologischer„ Romane aus Frankreich ein. Neben den erwähnten Eribon und Louis könnte man noch Catherine  Millet (Traumhafte Kindheit) und Virginie Dependes (Das Leben des Vernon Subutex) dazu zählen. 

Schon früher gab es Versuche, Ernaux dem deutschen Publikum vertraut zu machen: 
- La Place (deutsch: Das Bessere Leben, Dt. Erstausg.Frankfurt am Main : Fischer-Taschenbuch-Verl., Nov. 1988 und in: Moderne französische Prosa, Verlag Volk und Welt Berlin 1988);
- Les Femmes ( deutsch: Gesichter einer Frau, Goldmann Verlag 10. April 2007 und  Das Leben einer Frau Dt. Erstausg.Frankfurt am Main : Fischer-Taschenbuch-Verl. 1993).  

Selbst im Stoffplan der gymnasialen Oberstufe in Baden-Württemberg 2013 taucht A.E. mit ihrem Roman „La Place / …) als Wahllektüre auf. 

Bei Reclam gibt es dazu die passende Textausgabe mit Erläuterungen: 
Ernaux, Annie: Une femme (Gallimard, 1988 u. Reclam)  La place (Gallimard, 1984)


Trotz zweier weiterer in Deutschland veröffentlichter Bücher („Sich verlieren“, 2003  und „Eine vollkommene Leidenschaft“, 2004) war die Autorin nahezu in der Versenkung verschwunden, als sie im Sommer 2017 überraschend wieder auftauchte (s.o.).


Eine Auto-Soziobiographie 


In den älteren Büchern, „La Place - Das bessere Leben“ berichtet Annie Ernaux vom Leben ihres Vaters, in „ Les Femmes - Gesichter einer Frau“ steht das Leben ihrer Mutter im Zentrum. Beide Bücher sind noch stark autobiographisch ausgerichtet und schildern den sozialen Aufstieg der Familie aus ärmlichen Verhältnissen zu bescheidenem Wohlstand und die damit verbundenen Anstrengungen und  Verbiegungen, mit denen insbesondere das Mädchen und die junge Frau Annie konfrontiert wurde.
Biographie wird mit Zeitgeschichte verbunden und das Individuelle mit dem Kollektiven verknüpft. 

„Die Jahre“ weicht davon vollkommen ab, denn nun ist das Individuelle vollständig im Kollektiven aufgegangen. 
Annie Ernaux: „Es ging mir darum ein Leben zu entfalten, das Leben einer bestimmten Generation über 60 Jahre hinweg. Ich wollte auf keinen Fall eine autobiographische Form verwenden, im Stil von <<Ich bin 1940 geboren>>.“



Sie will in einem individuellen Gedächtnis das Gedächtnis des kollektiven Gedächtnisses finden und so die Geschichte mit Leben füllen", heißt es am Ende des Buches. (S.252)
Also bekommen wir eine „Anti-Autobiographie“, eine Kollektivbiographie" der Jahre 1940 bis 2010 zu lesen, die bei Lesern, und vor allem Leserinnen, meiner Generation viele Erinnerungen wecken wird, und die sind nicht immer angenehm. 

Dem ästhetischen Konzept entsprechend ist „der totale Roman“  in einer schmuck- und emotionslosen, distanziert nüchternen Sprache geschrieben. Obwohl immer wieder Familienfotos den Anstoß für Erinnerungen liefern, gibt es hier kein „ich“, sondern nur ein „wir“ und „man“. Persönliches wird nach Möglichkeit in den Hintergrund gedrängt.


Wie ich das Buch lese 


Es ist ein Bericht darüber, wer wir waren, was wir werden wollten und was wir geworden sind. (Obwohl ich Probleme habe, an dieser Stelle „wir“ zu schreiben, denn das „wir“ ist immer ein Konstrukt, das Zeitgenossen einschließt ohne deren Einverständnis einzuholen.)

Engere Familiengeschichte findet kaum statt. Die Rolle des Ehemannes (und später die des Geliebten, der Kinder, des Berufs) werden nur an wenigen Stellen schemenhaft angedeutet, so z.B. S.101: 
Also ist er der unsichtbare Fotograf, der jungenhafte, flatterhafte Student, der in nur vier Jahren Ehemann, Vater und Beamter in einer mittelgroßen Stadt in den Bergen geworden ist." 

Dafür finde ich eine Fülle von treffenden Beobachtungen und Reflektionen zur Nachkriegsgeneration, der Jahre des sozialen Aufstiegs und des steigenden Wohlstandes, zum Leben als Kind in den späten 40er und als Jugendliche in den 50er Jahren, mit verblüffenden Parallelen zum Leben in Deutschland, zu meiner eigenen Biographie, z.B. zum Verhältnis Jungen/Mädchen.


„Überall waren Jungen und Mädchen voneinander getrennt. Die Jungen, laute Wesen, die keine Tränen kannten, warfen ständig mit irgendetwas, einem Stein, einer Kastanie, einem Böller, einem harten Schneeball, sie fluchten und lasen Tarzan- und Bibi-Fricotin-Comics. Die Mädchen fürchteten sich vor ihnen und wurden ermahnt, es ihnen auf keinen Fall gleichzutun, man hielt sie zu ruhigeren Spielen an, Plumpsack, Hinkelkästchen und Ringlein, Ringlein, du musst wandern.“ (S.40)

Aber bei der Beobachtung von Alltagsszenen bleibt es nicht:


Die 70er Jahre


Anfangs der Siebzigerjahre saß man an lauen Sommerabenden in großer Runde um einen Bauerntisch herum, der beim Antiquitätenhändler stolze tausend Franc gekostet hatte. […] Die Gespräche drehten sich „um Farbstoffe und Hormone in der Nahrung, um Sexualwissenschaft und Ausdruckstanz, um Antigymnastik, Kinesiologie, humanistische Psychologie, Yoga, um sanfte Geburt, Homöopathie und Soja, um Selbstverwaltung und den Arbeitskampf in der Lip-Uhrenfabrik.“ (S.119)

Die Gesellschaft bekam einen neuen Namen, sie hieß jetzt 'Konsumgesellschaft'. Das war eine unumstößliche Tatsache, die man wohl oder übel hinnehmen musste." […] Die Werbung zeigte, wie man zu leben, sich zu verhalten und seine Wohnung einzurichten hatte, sie war die Kulturanimateurin der Nation.“ (S.121)
Man selbst ging der Werbung natürlich nicht auf den Leim, man analysierte ihre Verlockungen mit den Schülern und ließ sie einen Aufsatz zum Thema >>Macht Besitz glücklich<< schreiben, und wenn man bei Fnac eine Super-8-Kamera von Bell & Howell kaufte, war man überzeugt, dass man die modernen Errungenschaften zu einem intelligenten Zweck nutzte. Für uns und durch uns wurde der Konsum zu etwas Erhabenem. Der Konsum löste die Ideale von 1968 ab."(S.122)
In einem Pariser Vorort zu wohnen bedeutete: auf einem Territorium zu leben, dessen Geografie einem fremd blieb und dessen Straßen ein unentwirrbares Geflecht bildeten, weil man alle Wege mit dem Auto zurücklegte, sich den Verlockungen der Warenwelt nicht entziehen zu können, den ausufernden Gewerbegebieten und der langen Abfolge von Lagerhallen an den Ausfallstraßen, mit Firmenschildern, die Maßlosigkeit ausdrückten, Alles fürs Wohnzimmer, Welt des Teppichs, Lederzentrum, und mit einem Mal waren die Werbespots im Radio seltsam real, Ich kauf' meine Möbel nur bei Saint-Maclou. Es bedeutete, dass man in dem, was man sah, keine glückliche Ordnung fand." (S.132f)

Die 80er Jahre


„Die Tatsachen, die materielle und immaterielle Wirklichkeit, erreichte uns nur noch in Form von Zahlen und Prozentpunkten, die Arbeitslosenquote, der Absatz von Autos und Büchern, das Krebsrisiko, die durchschnittliche Lebenserwartung, die Umfrageergebnisse zu diesem oder jenem Thema. 55% der Franzosen sind der Meinung, dass zu viele Nordafrikaner im Land leben, 30% besitzen einen Videorekorder. Die Arbeitslosenzahl ist auf zwei Millionen gestiegen. Die Zahlen drückten nichts aus, nur Fatalismus und Sachzwang.“ (S.153)

Und in den 90er Jahren dann: 


Die soziale Ordnung löste sich auf. Die Sprache verlor ihren Realitätsbezug, sie wurde zu einem Mittel intellektueller Distinktion. Wettbewerb, Prekariat, Erwerbsfähigkeit, Flexibilität waren die neuen Kampfbegriffe. Man lebte in geschönten Diskursen. Man hörte ohnehin kaum zu, die Fernbedienung hatte die Aufmerksamkeitsspanne verkürzt, uns wurde schnell langweilig." (S.191)
"Es gab immer mehr und immer größere Verkaufsflächen. [...] Es waren Orte des harten Konsums, wo sich der Kaufakt in einer schmucklosen Umgebung vollzog, in einem sowjetisch anmutenden Klotz, der mit einer monströsen Anzahl von Produkten ein und derselben Sparte gefüllt war,..." (S.193)

Schließlich das neue Jahrtausend:


„Die Religion war zurück, aber es war nicht mehr unsere, nicht die, an die man nicht mehr glaubte, die man nicht weitergegeben hatte und die letztlich die einzige richtige war, oder, wenn man wollte, die beste. Der Rosenkranz, die Kirchenlieder und Fisch am Freitag gehörten ins Museum unserer Kindheit.“ (S.223)
„Die Orte, an denen sich die Waren präsentierten, wurden immer größer und schöner, immer bunter und sauberer, ein krasser Gegensatz zu den verwahrlosten Metrostationen, Postämtern und öffentlichen Schulen.“ (S.229)
„Für alle, auch für die illegalen Einwanderer, die in einem überfüllten Boot auf die spanische Küste zuhielten, hatte die Freiheit die Anmutung eines Einkaufszentrums oder eines Hypermarchés mit seinem erdrückenden Überangebot." (S.230)


Ein Resümee


Wie oben zu lesen war: Annie Ernaux betreibt keine Nabelschau, sie schreibt  keine Recherche du temps ...", vielmehr breitet sie den Erfahrungsschatz einer ganzen Generation aus, mit geschärftem Blick auf die sozialen Veränderungen von 1940 bis Anfang der 2000er Jahre. Sie verfällt jedoch nicht in ideologische Denkmuster, wie man das Eribon vorwerfen kann. Ernaux analysiert nicht, sie beobachtet, stellt Fragen an sich selbst als Repräsentantin einer Generation, deren Selbstlügen sie zerpflückt  - und das authentisch und deshalb überzeugend.

Leider verliert das Buch zum Ende hin an Durchschlagskraft. Die Jahre nach der Epochenwende 1989 werden zunehmend atemlos durchschritten, „das Feuer lässt nach“, die Bilanz wird buchhalterisch und damit langweiliger, weil vieles bekannt ist und nur noch referiert wird. Dennoch lohnt sich die Lektüre. Ich bin gespannt, wann es eine Fortsetzung gibt.


Und – beziehen sich Eribon und Louis zu Recht auf Annie Ernaux?


Eine Übereinstimmung mit Eribon und Louis sehe ich lediglich im soziologischen Ansatz und in der Scham" über die Herkunft aus der Unterschicht.
Die Einbettung der eigenen Geschichte in die kollektive Geschichte, das Bekenntnis zu den Lügen und Irrtümern der eigenen Generation unterscheidet sie jedoch fundamental von Eribon und Louis. Bei Ernaux gibt es keine Schuldigen, denen man die Verantwortung für die als Misere erlebte Biographie zuschieben kann. Wenn überhaupt, dann sind die Schuldigen „wir“.

Mehr dazu demnächst in diesem Blog!



Quellen Links:



Pressestimmen zum Roman auf der Suhrkampseite.
http://www.suhrkamp.de/buecher/die_jahre-annie_ernaux_22502.html

Annie Ernaux spricht über »Die Jahre«  Suhrkamp Verlag
https://youtu.be/Gga-t7C7BQo 

SWR Bestenliste November  Annie Ernaux: Die Jahre - Lesung aus dem Buch und Diskussion
https://www.swr.de/swr2/programm/sendungen/lesenswert/swr-bestenliste-november-annie-ernaux-die-jahre/-/id=659892/did=20578204/nid=659892/14pn9qt/index.html

Französische Literatur - Ich und das Mittagessen
Von Meike Feßmann SZ 9. Oktober 2017
http://www.sueddeutsche.de/kultur/franzoesische-literatur-ich-und-das-mittagessen-1.3687874

Annie Ernaux: "Die Jahre". Erinnerungen ohne Ich-Erzähler
Von Peter Urban-Halle
http://www.deutschlandfunkkultur.de/annie-ernaux-die-jahre-erinnerungen-ohne-ich-erzaehler.950.de.html?dram:article_id=397818

Aus dem Radiofeature: Frankreichs Schriftsteller mit Soziologenbrille
Die französischen Schriftsteller Annie Ernaux, Édouard Louis, Didier Eribon 
WDR 3 Kulturfeature | 07.10.2017 | 53:58 Min.
http://www1.wdr.de/radio/wdr3/programm/sendungen/wdr3-kulturfeature/soziologen-frankreich-100.html

Donnerstag, 30. November 2017

Warum Franzosen so gute Bücher schreiben


Diese These ist von Iris Radisch, die darüber eine vergnügliches Buch geschrieben hat, das ich jedem ans Herz lege, der ein gewisses Interesse an französischen Schriftstellern der letzten 100 Jahre hat. Niemals zuvor hat eine Autorin so treffende und spöttische Beschreibungen literarischer Häupter und deren Weltzentrum Paris abgeliefert: 

Als Beleg mögen folgende Zitate dienen:
Über Sartre:
"Ein aufrechter Resistancekämpfer wie Camus' Freund Pascal Pia nannte Sartre dann auch in boshafter Anspielung auf die Vichy-Regierung den "Vichinsky vom Café de Flore". (S.12)
"... ein verbitterter Nelson Algren wird dem Playboy-Magazin anvertrauen, dass Beauvoir und Sartre andere Menschen in schlimmerer Weise benutzten als ein Zuhälter seine Prostituierte. Das war bösartig, aber nicht abwegig." (S.23)


Über die Befreiung von Paris im August 1944:
"Während die Alliierten auf Paris vorrücken und die Armee Leclerc schon vor den Toren steht, hat Paris beschlossen sich zu befreien. Und was machen der reizende Castor und Sartre? Was sie in den letzten Jahren immer getan haben. Sie sitzen morgens, mittags und abends im oberen Stockwerk des Café de Flore." (S.14)
"Der Wetterbericht meldet für den 19. August 39 Grad im Schatten. Die Pariser nehmen mitten im Aufstand ein kühlendes Bad in den Seine-Bädern. In den Zeitungen: Menschenmengen im Badetrikot." (S.15)
"Leiris notiert im Tagebuch: "Der Aufstand ist nur mehr der Hintergrund für einen durchaus angenehmen Abend." (S.16)


Über Paris:
"Paris ist für seine Schriftsteller mehr als eine Stadt. Es ist eine Lebensform und das Nationaltheater, auf dem die französische Kultur aufgeführt wird. " [...] Obwohl man nirgends so einsam sein kann wie in Paris - Camus nennt es im Tagebuch 'die einzig bewohnbare Wüste' - ist man hier niemals allein. Man bewohnt denselben urbanen Salon." (S.38f)

Über Nathalie Sarraute
"Das interessiert Nathalie Sarraute: die gekrümmten Seelen des französischen Bürgertums, die sich unter der Last der Floskeln winden." (S.58)

Über Sagan und 'Bonjour Tristesse'
"Seine Heldin ist eine in die Geschlechtsreife gekommene Pippi Langstrumpf aus der Pariser Bourgeoisie." (S.84)
"Françoise Sagan wird das erste Fräuleinwunder und der erfolgreichste französische Literaturstar der Nachkriegszeit, ein Kerouac mit großen braunen Kinderaugen und Perlenkette." (S.85)


Über Ionesco:
"Ionescos frühe Einakter waren von heiterer Sinnlosigkeit.Vater Ionesco (unter den Faschisten ein Rechtsintellektueller, unter den Kommunisten ein Linksintellektueller; RW) glaubte an die Macht. Sohn Ionesco an die Ohnmacht." (S.100)


Über Michel Leiris:
"So mutig wie die bewunderten spanischen Stierkämpfer wollte er sein Leben am Schreibtisch riskieren." (S.113)

Über die Mairevolte 1968:
"Sisyphos wälzte keine Steine mehr, er warf sie." (S.124)


Über Assia Djebar
"Assia Djebar gehört nicht zu den Menschen, die mit hängender Zunge durchs Leben hetzen." (S.141) 
 "Assia Djebar wird der Konflikt zwischen der Muttersprache des Herzens und der Vatersprache der Aufklärung bis zu ihrem Tod begleiten." (S.150)


Über das zwiespältige Verhalten der Schriftsteller maghrebinischer Herkunft und deren Illusionen: 
"Die Wirklichkeit hat einen träumenden französischen Schriftsteller allerdings noch nie aufgehalten." (S.152)

Über Daouds 'Fall Meursault': 
"Daoud hat versucht mit seinem Roman, "die Philosophie des Absurden vom Kopf auf die Plattfüße zu stellen." (S.158f)


Über die 80erJahre nach Sartres Tod:
"Ein neues Zentralgestirn ist nicht in Sicht. Man sieht im Fernsehen jetzt zwar ständig neue Philosophen. Aber man kann sich deren Namen nicht merken." (S.171)


Über Le Clézio:
"Sein Roman ('Die Wüste') enthält die bewährten Zutaten antizivilisatorischer Aussteigerliteratur von Mark Twain bis Henry David Thoreau und darüber hinaus eine kräftige Prise jener sandknirschender Verklärung, die auf Antoine de Saint-Exupéry und Albert Camus zurückgeht." (S.172/174).


Über Yasmina Reza:
"Yasmina Reza porträtiert in der Regel die nicht ganz normale, weil etwas besserverdienende, Pariser Mittelschicht um die vierzig - eine der sorglosesten und zugleich tragikomischsten Generationen aller Zeiten, die in der korrekten Handhabung der Küchengeräte und der kompetenten Nutzung der Fernsehkanäle die letzten metaphysischen Herausforderungen ihrer Epoche erblickt." (S.205)
Ihre Figuren sind  alle "Helden dieser überforderten, im französischen Konsumparadies umherirrenden Mittelschicht, mit deren Affären man sich nicht lange aufhalten würde, wäre da nicht Rezas immense Kunst, so verzweifelt komisch zu sein." (S.206)


S.212 Eine LISTE der französischen Schriftsteller, die über ihre Mütter nicht hinweggekommen sind.


Über Emmanuel Carrère:
"Die Suche nach dem Reich Gottes kann in diesem Roman guten Gewissens vertagt werden. Hier bereitet man zu dem Thema erst einmal einen Sonderdruck vor. Und ein paar Jahre später veranstaltet man dann vielleicht ein Symposium." (S.215)


Über Michel Houellebecq: 
"ein Literaturterminator mit Schwerbeschädigtenausweis, der unwiderruflich ein neues Zeitalter einläutet." (S.197) 
Und über sein Buch "Ausweitung der Kampfzone": 
"wieder einmal hat ein französischer Schriftsteller das Lebensgefühl einer ganzen Epoche vorweggenommen, noch bevor es allseits beklagt wurde." (S.197)
Houellebecq und Sartre:
"Michel Houellebecq tritt ein Erbe an, das nach Sartres Tod niemand übernehmen wollte - er schreibt zeitdiagnostische Gesellschaftsromane im Stile eines Pariser Chefideologen, der seinen Feldherrenblick über das Gewimmel seiner Epoche schweifen lässt." (S.219f)

Über Jonathan Littells 'Die Wohlgesinnten': 
Der Autor habe die französische Besonderheit des pornographischen Mystizismus mit den Grausamkeiten eines feinsinnigen SS-Mörders amalgamiert, was in diesem Fall zu einer toxischen Mischung und einem nur schwer erträglichen Roman führte. "Ein weiteres Mal gilt: Es schreiben ja nicht alle Franzosen gute Bücher." (S.180) 

Touche!

Und warum schreiben jetzt die Franzosen so gute Bücher?

"Inzwischen sind Pierre Michon und Marie NDiaye die legitimen Erben der verwaisten französischen Klassik. Ohne ihre auf zahllosen Parataxen balancierenden, mit Metaphern und Metonymien jonglierenden, absolut absturzsicheren Endlossätzen, mit denen man über beinahe jede Lebensklippe hinwegkommt, würden die Franzosen definitiv nur halb so gute Bücher schreiben." (S.191)
Und:
"Könnte es sein, dass die französischen Schriftsteller so gute Bücher schreiben, weil sie weder vor politischen Grenzüberschreitungen noch vor den Nachtseiten der Existenz zurückschrecken?" (S.219)

Eine Frage, keine Antwort, ein Gesicht erbleicht.




Zur Vertiefung

Mit mp3 zum download:
NDR kultur Klassik à la carte: Studiogast: Iris Radisch
Mittwoch, 11. Oktober 2017, 13:00 bis 14:00 Uhr
http://www.ndr.de/ndrkultur/sendungen/klassik_a_la_carte/Iris-Radisch-liebt-franzoesische-Literatur-,sendung697546.html#

Iris Radischs Streifzug durch die französische Literatur
von Rainer Moritz, MDR KULTUR-Sachbuchkritiker
https://www.mdr.de/kultur/empfehlungen/sachbuch-der-woche-iris-radisch-warum-die-franzosen-so-gute-buecher-schreiben-100.html