Freitag, 16. Februar 2018

Reiner möchte mal wieder verreisen

Gerne auch dahin, wo er schon mal war:






Oder auch, wo er noch nie war, aber gerne mal sein möchte:






Quelle: DIE ZEIT, Nr.1 vom 28.12. 2017

Aber am liebsten möchte er mit Sabine nach New York, nach Chicago zu Phil und nach Taiwan zu Susanne und Maggie!

Und ganz sicher werden wir auch in diesem Jahr einige Tage im Hotel Peterle in Altglashütten-Falkau verbringen, denn in keinem anderen Hotel haben wir uns jemals so wohlgefühlt wie bei Familie Müller. 

Dienstag, 23. Januar 2018

Anstößig - Offensive Content

oder / or: Die Wiederkehr des puritanischen Jahrhunderts/The return of the Puritan century


Violence: 
War


Torture


Beheading


Sexual Harassment
Nudity

Nudism

Sex Assault


Substance Abuse


Alcohol Abuse

Smoking

Meat Abuse



Cultural Appropriation


White Woman Wears Black Woman's Hairstyle

Black Woman Wears White Woman's Hairstyle

US-American Woman wears Caribbean's Hairstyle


White Man Plays Black Minstrel

Black Man plays White Man Playing Black Minstrel

Female  drives male bycicle

Micro Aggressions

Black Servants Protecting White Couple

White Supremacy
Von Gilbert Stuart - http://www.clarkart.edu/Collection/7577, Gemeinfrei, 

Unappropriate Story


A Poem
Aktuell: Ressentiment schlägt Poesie
"Das Gedicht von Eugen Gomringer ist sexistisch. Mit genial einfachen stilistischen Mitteln werden Frauen und Objekte semantisch gleichgesetzt und zum passiven Betrachtungsobjekt eines männlichen Flaneurs."   So Anna Sauerbrey im Tagesspiegel vom 29.1.2018
Gomringer-Gedicht an Hochschulfassade wird übermalt
Mitarbeiter und Studierende der Alice Salomon Hochschule in Berlin haben abgestimmt
http://www.deutschlandfunkkultur.de/gomringer-gedicht-an-hochschulfassade-wird-uebermalt.265.de.html?drn:news_id=842453
Die 'Generation Heulsuse' weinkrampft sich in die Öffentlichkeit:

Eine Erläuterung
Das Studium koste viel Geld, sagt Kate, es sei "nicht zu viel verlangt, uns zu schützen". Für die Unis sind Studenten Kunden, und der Kunde ist König. Also achtet man auf alle Sensibilitäten: Ein Turban als Faschingskostüm? Verboten, Diskriminierung von Indern. Ein vietnamesisches Hühner-Sandwich in der Mensa, das nicht dem Original entspricht? Gestrichen, kultureller Imperialismus. Sophokles' "Antigone" auf der Leseliste? Mit einer Warnung versehen, verstörendes Suizid-Thema.  
Roman Deininger und Jürgen Schmieder: Ach Leute! SZ 16.8.2017 S.3
"Kulturelle Aneignung ist kein Kavaliersdelikt, sondern ein brutaler Akt der Demütigung"Andrian Kreye: Der Hipster ist ein gemeiner Dieb. In SZ vom 11.8.2017, S.11

Ein Kommentar
Wenn man den Weißen Musikern verübelt, dass sie sich den schwarzen Blues 'angeeignet' haben, müsste man dann nicht Miles Davis verübeln, dass er sich 'Sketches of Spain' angeeignet hat? Darf ein schwarzer Musiker Mozart spielen?

If you blame the white musicians for' appropriating' the black blues, wouldn't you have to blame Miles Davis for appropriating' Sketches of Spain'? May a black musician play Mozart?

Montag, 22. Januar 2018

Emmanuel Bove: Ein verkannter Schriftsteller

Von Anonym - Czech Academy of Sciences, from Rozpravy Aventina, volume 4/1928-1929, issue 11, page 110., Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=950548


Irgendwie und irgendwo bin ich bei der Lektüre von Irène Némirovskys "Suite Francaise" auf Emmanuel Bove gestoßen. Zu meiner Überraschung gab es in Darmstadt sogar eine Ausstellung zu dem Schriftsteller, von dem ich noch nie gehört hatte. Aber leider, leider, just an dem Tag, als ich diese Information bekam, war die Ausstellung auch schon beendet.

Wer war Emmanuel Bove?
Emmanuel Bove ist ein weithin unbekannter Autor mit einer wirklichen Fangemeinde. 1898 geboren, veröffentlicht er von 1924 bis 1937 an die dreißig Romane und Erzählungen von 1924; dann eine seltsame Pause bis 1945 und danach gerät er auch in Frankreich praktisch in Vergessenheit. Emmanuel Bove war kein Mitglied der “Mandarins von Paris” - das erklärt wahrscheinlich alles.

Erst in den 80er Jahren wird er wieder entdeckt und in Deutschland durch Peter Handke übersetzt und bekannt gemacht; gegenwärtig ist seine Bekanntheit jedoch schon wieder am schwinden. Immerhin gibt es einen Berliner Verlag, der sich liebevoll um eine Werkausagbe von Bove kümmert und auch unbekanntere Bücher von ihm in deutscher Übersetzung - sogar als als Amazon Kindle Edition -zugänglich macht,  Edition diá, und es gibt sogar eine eigene Webseite des Verlags, die sich dem Autor widmet!


Mein erstes Buch von Emmanuel Bove war Die Falle, ein Roman über Widerstand und Kollaboration in Frankreich unter deutscher Besatzung. 1945 erschienen war es eines seiner letzten Werke. Er starb nach der Rückkehr aus Algerien im Juli 1945 im Alter von 47 Jahren in Paris an Auszehrung und Herzversagen als Folge einer verschleppten Malaria-Infektion.


Die Falle ( Le Piège)
Das Thema des Romans, französische Kollaboration und Vichy-Regierung, konnte zum Zeitpunkt des Erscheinens, 1945, unzeitgemäßer nicht sein. Spät bekannte sich Frankreich zu diesem dunklen Kapitel seiner Geschichte, erst seit Jacques Chiracs Rede am 16. Juli 1995 und jüngst wieder betont durch Emmanuel Macron wird es in der Öffentlichkeit diskutiert.

Joseph Bridet, der Protagonist der Handlung, ist ein Mann von bestürzender Naivität. Unbeholfen und naiv bewegt er sich in einer Gesellschaft von Opportunisten, Karrieristen, Kollaborateuren und Verrätern. Er ist aber alles andere als ein Held des Widerstands. Von der Vichy-Regierung will er in offizieller Mission in die französischen Kolonien geschickt werden, um sich, was sein eigentlicher Plan ist, heimlich dem Widerstand unter de Gaulle anzuschließen.

In einer kafkaesken Situation wird er nun von Behörde zu Behörde, von Sachbearbeiter zu Sachbearbeiter weitergeleitet und gerät mehr und mehr in die Mühlen der Vichy-Bürokratie. Immer neue Schwierigkeiten tun sich auf, aber alle Beteiligten sind sehr aufmerksam ihm gegenüber, immer signalisiert man ihm, dass es um eine bloße Formalität ginge und sich alles klären würde. Seine Situation wird jedoch immer bedrohlicher und die Versprechen auf Aufklärung sind immer weniger überzeugend. Selbst die Flucht nach Paris kann ihn nicht mehr retten. Am Schluss wird er auf Grund eines grotesken Irrtums als Geisel erschossen.

Bove zeigt ein schonungsloses Bild französischer Kollaborateure. So  schwadronieren sie über die deutschen Besatzer :
“Allzu viele Leute hatten ein Interesse, sie uns als Barbaren auszumalen, die kleinen Kindern die Hände abschneiden."  
“Die Juden und die Kommunisten”, sagte Bridet.- [...] 
"Wir müssen uns mit den Deutschen verständigen. Ich sage es seit 1934. Persönlich waren sie mir immer sympathisch. Es sind jedenfalls Leute, die über außergewöhnliche Qualitäten verfügen.” (S.32f)
Der Roman erschien kurz vor dem Tod von Emmanuel Bove, und war kein großer Verkaufserfolg, anders noch wie seine Romane in der Vorkriegszeit. Man kann verstehen, dass 'Vichy und Kollaboration' nach dem gewonnenen Krieg nicht gerade begeistern konnte. Um so bemerkenswerter, dass Bove sich dem Thema stellte und die Anpassungsbereitschaft vieler seiner Landsleute schonungslos offen legte.

Links zum Buch
Ralf Konersmann: Nächste Ausfahrt Zwischenreich. Es ist, wie es ist: Weitere Sonderlinge von Emmanuel Bove  FAZ 28.05.1996
http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/belletristik/rezension-belletristik-naechste-ausfahrt-zwischenreich-11303168.html

Martin Doerry: Held ohne Heldentum; DER SPIEGEL 24.06.1996
http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-8940256.html

Volker Frick: Emmanuel Bove, Die Falle
http://www.buchkritik.at/kritik.asp?IDX=856

Christoph W. Bauer: Sidonie-Gabrielle Colette und Emmanuel Bove: Das Leben ist nicht literarisch 
http://derstandard.at/2000026945604/Sidonie-Gabrielle-Colette-und-Emmanuel-Bove-Das-Leben-ist-nicht



Obwohl ich ein Faible für 'realistische’ Romane habe, d.h. Romane, die Auskunft geben über Menschen in ihrer Zeit, werde ich hier und da doch gefesselt von Romanen, die weniger soziologisch und mehr literarisch sind und sich ganz einem Individuum und seiner Gedankenwelt widmen. So wie es Emmanuel Bove in seinem Roman “Meine Freunde” mit der Person von Victor Bâton gelang:




Meine Freunde (Mes Amies)
Der Flaneur Victor Bâton hat nur ganz kleine Pläne, er will einen Freund und eine Mätresse haben, aber die Träume erfüllen sich nicht. Er träumt sich ein angenehmes Leben, aber auch das wird er nicht erleben.
Ein armer Teufel, dem seine Phantasien davonlaufen, Kriegsinvalide des 1.Weltkrieges, in abgetragener Kleidung, löchrigen Schuhen, mit verstümmelter Hand und hinkend, bewegt er sich voller Hoffnung und Selbstvertrauen in den Straßen von Paris, schnell in seinem Viertel und langsam in unbekanntem Revier, in Kaschemmen und zwielichtigen Etablissements.

"Ich setze mich auf einen Sessel [...] und denke an die Zukunft. WIe möchte ich glauben, daß ich eines Tages glücklich sein werde, daß eines Tages jemand mich liebhaben wird. Aber so lange schon warte ich auf die Zukunft!" (S.204). Vergeblich.

In nüchternen Hauptsätzen charakterisiert Bove seinen Helden, ganz ohne Psychologie: Der reine Tor, der sich immer selbst im Wege steht, und deshalb nie das Glück finden wird, selbst wenn es ihm auf dem Silbertablett serviert wird. Und der niemals einen Freund haben wird.
„Meine Freunde“ ist die rückhaltlose Beichte eines Mannes, der bei den Menschen Halt sucht, ihnen durch die Straßen folgt, um herauszufinden, ob sie ihm Freund werden wollten, und der am Ende doch immer wieder allein ist. Das Besondere: Bove erzählt die inneren Qualen seiner Figur nüchtern, so als seien sie nur von den äußeren Erscheinungen, von dem, was nach außen dringt ablesbar.”Sabie Rothemann: Getriebener statt Flaneur: Emmanuel Boves Held streift durch Paris FAZ 17.07.2001
Ich habe noch weitere Romane von Emmanuel Bove gelesen:



Mehr über Bove / Links:



Emmanuel Bove (Wikipedia)
Emmanuel Bove (Website der Edition diá)
Emmanuel Boves Figuren zwischen Einsamkeit und Wahnsinn Von Liane Schüller http://literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=23840

Die Darmstädter Universitäts- und Landesbibliothek sichert die Spuren des französischen Schriftstellers Emmanuel Bove. http://www.sueddeutsche.de/kultur/ausstellung-die-stille-prosa-eines-golfspielers-1.3549283

SPIEGEL-Redakteur Harald Wieser über den französischen Schriftsteller Emmanuel Bove
http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-14357048.html

Von Benjamin Henrichs: Ich bin traurig. Ich bemühe mich, es zu bleiben. Emmanuel Bove und sein Buch „Meine Freunde“ 
DIE ZEIT 4. Dezember 1981, Aktualisiert am 21. November 2012
http://www.zeit.de/1981/50/ich-bin-traurig-ich-bemuehe-mich-es-zu-bleiben

(Geschrieben am Jahrestag des Deutsch-Französischen Élysée-Vertrags.)

Freitag, 19. Januar 2018

Eribon - die Fortsetzung: Gesellschaft als (Fehl-)Urteil

I was born with a plastic spoon in my mouth
The north side of my town faced east, and the east was facing south


“Seit einigen Jahren erregt in Paris eine neue Gemeinschaft Aufsehen. ‘Für G., natürlich’ lautet folgerichtig die Widmung in Didier Eribons Buch Gesellschaft als Urteil; ‘Für D. natürlich’ heißt es in Geoffroy de Lagasneries Werk Verurteilen. Der strafende Staat und die Soziologie. Édouard Louis hat seinen zweiten Roman Im Herzen der Gewalt Letzterem gewidmet; auf dem Umschlag erklärt wiederum Eribon, der Roman mache den 24-jährigen Louis ‘zu einem der bedeutendsten Autoren seiner Generation’. Französische Nahbeziehungen, offensiv transparent; alle drei Bücher sind soeben auf Deutsch erschienen.”Alexander Cammann: Didier Eribon und Geoffroy de Lagasnerie: Immer schön kritisch | ZEIT ONLINE, Dienstag, November 7, 2017

Wie man sieht: Die Mandarins von Paris sind in neuer Gestalt von den Toten auferstanden oder mit Marx: “das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce, und wir sind hier bei der Farce.



Eribon, Louis und Geoffroy de Lagasnerie: Da werfen sich im  Feuilleton drei Pariser Intellektuelle die Bälle zu, aber für mich ist das nur eine Luftnummer: Flaue Luft in einem porösen Schlauch.

Die Fortsetzung von Rückkehr nach Reims ist wohl kein großer Auflagenerfolg geworden, und auch  die Aufmerksamkeit im Feuilletons hat sichtbar nachgelassen. Das ist verständlich, denn alles in allem ist “Gesellschaft als Urteil” ein ärgerliches, geradezu dummes Buch, das weder biographisch noch analytisch überzeugt und den Autor wieder einmal als großen Lamentierer und bramarbasierenden Schwätzer zeigt .
Ich versuche mein Urteil zu belegen.


I. Zum  Inhalt: 

Der Essay ist eine assoziativ strukturierte Auseinandersetzung mit Autoren, die sich im engen und weitesten Sinne mit Gesellschaftsanalyse auseinandergesetzt haben, insbesonders mit den Unterschichten. Darin verwoben werden Reflektionen zur Biographie und zum Einfluss, den einige französische Autoren schon in seiner Jugendzeit auf Eribon ausgeübt haben. Das reicht von Simone de Beauvoir und Claude Lévi-Strauss bis Trotzki und wird als Ganzes wieder als ‘Autoanalyse’ bezeichnet.

Es beginnt mit einer geschwätzigen ‘Ouvertüre’ über die Mühen der Auswahl des jeweiligen Titelfotos beider “Reims”-Bücher und endet bei einem ebenso geschwätzigen wie inhaltsleeren Wortgebirge, das er ‘Epilog’ nennt. Dazwischen folgen Kapitel zur ‘Hontoanalyse’ (eine Auseinandersetzung über Motive zu dem neuen Buch, mit Verweisen auf Proust und Bourdieu), was ihm alles beim Lesen von Annie Ernaux einfällt (sehr viele Namen) und ein Kapitel ‘Gedächtnispolitik’ (im wesentlichen eine Auseinandersetzung mit Paul Nizan, Richard Hoggart und Raymond Williams). Der abschließende Epilog ist dann wiederum André Gide gewidmet.

II Stil: Eitelkeit, Larmoyanz, Selbstanklage und Größenwahn

Geschrieben ist das Buch leider in einem teils eitlen, teils larmoyanten Stil, durchzogen mit Zügen der Selbstanklage und Phrasen des Größenwahns. Beispiele:

Eitelkeit:
Die für ihn quälende Auswahl des Titelfotos für sein Buch kommentiert er: 
"Ich konnte mit mir zufrieden sein. Das Ergebnis war außerordentlich gelungen. Wie einfach es doch ist und wie angenehm, seinem eigenen Bildungsnarzissmus zu schmeicheln." (S.17)

Larmoyanz:
"Ich schämte mich dafür, dass ich mich für meine Mutter schämte und insbesondere für die Standpunkte, die sie zu dieser Zeit vertrat. [...] Ich schämte mich meiner sozialen Herkunft so sehr, dass ich sie auf keinen Fall in einem soziologischen Buch abgebildet sehen wollte. [...] Sich seiner eigenen Scham zu schämen genügt nicht, um diese auch effektiv zu vertreiben. Wochenlang marterte ich mich.” (S.70) 

Selbstanklage:
“Ich erlebte das Glück einer 'Distinktion', die mich natürlich nicht nur von meinen Klassenkameraden abhob - daher eine Überheblichkeit, von der ich mich bis heute kaum befreien konnte -, sondern auch und vor allem von meinem Herkunftsmilieu und von meiner Familie. Es war das Glück einer Unterscheidung und Abspaltung, in dem die Voraussetzungen und Versprechungen des sozialen Aufstiegs schon sichtbar wurden. All das ist nicht besonders ruhmreich, das gebe ich gerne zu. Aber vielleicht war es notwendig. Und es ist die Wahrheit. Ich muss sie aussprechen." (S.117)
"Auf einer noch tieferen Ebene der Analyse muss man allerdings auch feststellen, dass man all die sanften Zwänge und Unterwerfungen, all das, was zum Einstieg ins kulturelle und intellektuelle Milieu (wenn man beispielsweise beginnt, Artikel oder Bücher zu veröffentlichen) notwendig ist, nicht nur erleidet, sondern dass man sich ihm auch bereitwillig unterwirft. Man sucht nach den Zwängen, man verlangt nach ihnen." (S.118f) 

Größenwahn:
Ganz unbescheiden ist der Autor nicht:
"Ich hatte 'Rückkehr nach Reims in vielen Hinsichten als ein Nachfolgebuch zu 'Die feinen Unterschiede' konzipiert." (S.60)
Und natürlich reiht er sich gerne in die Galerie der Großen ein:
"Die Autoren, die mir am meisten bedeutet haben, waren meist auch diejenigen, die mir deshalb etwas geben konnten, weil ihr Schreiben sich auf einer Sorge um die anderen gründete. [...] Großzügigkeit. Wie sollte man die Bücher Sartres, Beauvoirs, Bourdieus, Foucaults und das, was sie inspiriert hat besser beschreiben? (S.128f) [...] "Wie sehr ich mich gefreut habe, als mich nach dem Erscheinen meiner 'Reflexions sur la question gay' so viele Briefe erreichten, in denen Sätze standen wie "Sie haben mir das Leben gerettet" oder "Dank ihnen kann ich besser leben, und als sich nach 'Rückkehr nach Reims' Ähnliches wiederholte.  Ich war selbst zu einem großzügigen Autor geworden, und diese Großzügigkeit hatte ihre Wirkung gezeigt." (S.129f)
Geht's noch?

Eribon beschreibt ausführlich wie er sich dafür schämt, was er gerade veröffentlicht hat und im (deutschen) Feuilleton für Furore sorgt. Er verleugnet seine Mutter, seinen Vater, seine Herkunft, er schämt sich für alles was vor seiner akademischen Karriere war und was er danach gemacht hat - aber die öffentliche Beichte soll alles wieder gut machen. Ihm soll Generalabsolution erteilt werden für sein in den eigenen Augen schäbiges Verhalten. Man muss sich Eribon als zutiefst katholischen Autor vorstellen.

Ihm fehlt die Größe, die Leistungen seiner Mutter, seines Vaters, seiner Lehrer und Lehrerinnen anzuerkennen, die ihm dabei halfen, dass er den Weg heraus aus der Misere geschafft hat. Und ihm fehlt, als Soziologe, (!) das Interesse für die Analyse der Faktoren, die es ihm, aber nicht seinem Bruder ermöglichten, sozial aufzusteigen. Dafür nur Gejammere und Selbstmitleid. Alles war doch so schwer.




III. Zur Soziologie Eribons: Das fürchterliche Gesetz des Determinismus  - Klassenflucht und Klassenverrat - die dualistische Gesellschaft

 Dreh und Angelpunkt seiner Theorie ist das von ihm erfundene 
"fürchterliche Gesetz des sozialen Determinismus, das jedem Einzelnen einen Platz zuweist, das uns vorschreibt, wie wir uns zu verhalten haben, was wir zu sagen und wer wir zu sein haben." (S.53)
Wer sich diesem Gesetz entzieht beginnt laut Eribon Klassenflucht, im schlimmsten Fall, als sozialer Überläufer, sogar Klassenverrat (S.122f) und hat sich dafür gefälligst zu schämen.

So räsoniert Eribon über die physische Ähnlichkeit zu seinem Vater, erkennbar auf einem Bild, das er zerriss:
“Natürlich gibt es eine physische Ähnlichkeit. [...] Was aber bleibt von diesen Ähnlichkeiten bei einem Klassenflüchtigen? Wie ist es bei einem sozialen Überläufer, bei dem sich die Unterschiede so stark herausgebildet haben, dass sie sich anschicken, die Ähnlichkeiten zu verdrängen?” (S.32)
Und weiter 
"Es stellt sich also die Frage: Wovor ist man geflohen? Wie holt man es wieder ein? Wie holt man die Vergangenheit seiner sozialen Klasse ein, wenn die Gegenwart dieser Klasse die Emanzipation von der sexuellen "Scham" so schwierig macht? Wie versöhnt man Ansätze, die sich vielleicht als widersprüchlich erweisen: Kann man die soziale und die sexuelle Scham überwinden? Wie soll man beiden zugleich (und weiteren Formen der Scham) im Denken gerecht werden?" (S.97) 
Dem theoretischen Modell aus sozialer Determination und sozialem Aufstieg als Klassenflucht und -verrat liegt wiederum ein dichotomisches Gesellschaftsmodell zugrunde, das nur eine sogenannte "populäre Klasse" (gerne auch im Plural) und die herrschende(n), die “wohlhabende Klasse(n)” (S.27) kennt. Alles dazwischen ist in seinem Weltbild  irrelevant und spielt für ihn  allenfalls in der Kritik an anderen Autoren (vor allem an  Richard Hoggarth und Raymond Williams) eine gewisse Rolle.
"Ich benutze den Begriff populäre Klassen, weil er üblich ist, ich weiß aber auch, dass Wörter niemals unschuldig sind. Der ganz zu Recht verwendete Plural kaschiert die Gewalt, die diese inferiorisierende Bezeichnung in sich trägt. Der Zugang zur 'legitimen' Kultur markiert den Anfang einer aufsteigenden Bahn und somit auch des 'Klassenverrats'. Dieser lässt sich, in gewisser Weise, auch nicht vermeiden." (S.122f)
(Siehe auch S.187, wo er Nizans Problem mit dem sozialen Aufstieg  mit eigenen Erfahrungen als “Klassenverräter” vergleicht.)


IV. Meine Kritik an der Soziologie Eribons

Die begriffliche Grundlage seiner Soziologie ist dürftig: Ihr liegt die Vorstellung von einem vormodernen gesellschaftlichen Kastensystem zugrunde. Noch nicht einmal ein hierarchisches Klassen- oder Schichtmodell hat Platz in seinem Konstrukt, so 'modern' ist dieser Soziologe.

Das mag aus der Sicht eines Intellektuellen, der es nicht geschafft hat im Zentrum der französischen Kultur, nämlich in Paris, Fuß zu fassen, vielleicht überzeugend zu sein. Es gibt aber eine Welt außerhalb dieses Zentrums: die Welt der Industrie, der wissenschaftlichen Forschung und andere Welten, die leichter zugänglich sind und in denen die soziale Herkunft eine geringere Rolle spielt. In dieser Welt der ‘Transclasses’ (Pascal Jaquet) gibt es tatsächlich sozialen Aufstieg, hier spricht kaum jemand vom "Klassenflüchtling" und von der Scham des 'transfuge de classe', sondern vom Stolz, es geschafft zu haben, trotz ungünstiger Voraussetzungen.

Was ist die These vom Klassenverrat anderes als ein Ausdruck eines extrem reaktionären Weltbildes, das jedem Gesellschaftsmitglied seinen Platz per Geburt zuweist, solange die große Revolution (das “Heil”) noch nicht realisiert wurde? Ein Gesellschaftsbild, das mehr dem indischen Kastensystem ähnelt als europäischer Realität. Ein Weltbild, in dem es nur 'die da oben' und 'die da unten' gibt und dazwischen nichts. Dabei hat schon die Soziologie des letzten  Jahrhunderts die Mittelschichten und deren Ideologie zum Thema gemacht und die vielfältigen Auf- und Abstiegsprozesse dieser Schicht beschrieben, einschließlich der spezifischen Ängste vor Letzterem. Aber Begriffe wie Citoyen, Bourgeois, Parvenü, in Frankreich geprägt, existieren für Eribon nicht, und so lässt er auch unberücksichtigt, welche spezifischen Differenzen selbst in der ‘populären Klasse’ bestehen, wie man an der Biografie seines Kompagnons Louis erkennt, der seine Familie weit unter der Eribons stehen sieht, während die Eltern Annie Ernaux’, als selbständige Kleinkrämer und Cafébesitzer privilegiert, sich wiederum streng nach unten abgrenzen (siehe: Annie Ernaux, La Place; deutsch: Das bessere Leben).

Was also bei Eribon völlig fehlt, als Möglichkeit und Wirklichkeit sozialer Existenz, ist die französische Mittelschicht, wie sie neben anderen Yasmina Reza beschreibt, die “nicht ganz normale, weil etwas besserverdienende, Pariser Mittelschicht um die vierzig", deren Figuren sich "in einem leichthin perlenden Sprechblasenrausch um Kopf und Kragen" reden. (Iris Radisch, Warum ..., S.205). Eine soziale Schicht, der sich fast die Hälfte aller Franzosen zugehörig fühlt, und der zweifellos auch Eribon angehört. 




Eribon kennt nur den Antagonismus 'Oben' vs 'Unten', und das auch nur in der besonderen Konstellation 'Oben in Paris' und 'Unten in der Provinz'. Dabei übersieht er völlig, dass dieser Gegensatz eher Ausdruck der Spaltung des Landes in Zentrum Paris und Peripherie Restfrankreich ist, als alles andere. Tatsächlich kennt er wie jeder echte französische Intellektuelle weder das Unten in Paris noch das Oben in der Provinz. Entsprechen kurzsichtig bleibt der Blick auf Frankreichs Totale, und all die feinen Unterschiede zwischen Oben und Unten, Paris und Provinz werden nicht gesehen. Ein merkwürdiger Soziologe ist das.
Einschub: Zu seiner Entschuldigung muss ich allerdings konzedieren, dass der Begriff “Populäre Klasse(n)” in Frankreich eine gern benutzte Vokabel für alles ist, was sich sozial zwischen Elite und “Unberührbare” bewegt und dabei mehr umfasst als der deutsche Begriff Unterschicht; siehe mein Post La France, Französisch and Me #3 - Les classes populaires.
Man könnte versucht sein, dieses primitive Gesellschaftsbild auch damit zu erklären, dass Eribon der erstrebte soziale Aufstieg zwar gelungen ist, aber der Einzug ins Herz der französischen Kultur,  nach ganz oben in den Kreis der Pariser Mandarins, nicht. Es hat halt “nur” für Amiens gereicht.

In seinem theoretischem Konstrukt ist Eribon in der Tat konsequent: Wer vom "fürchterlichen Gesetz des sozialen Determinismus” spricht, das jedem Einzelnen einen Platz zuweist, das uns vorschreibt, wie wir uns zu verhalten haben, was wir zu sagen und wer wir zu sein haben", kann den eigenen sozialen Aufstieg nur als Verrat empfinden, für den man sich rechtfertigen oder, in seinem Verständnis, sogar schämen muss. 

Das Buch überzeugt mich vor allem deshalb nicht, weil es die Funktion hat sich dafür zu entschuldigen, dass sein Leben der eigenen Theorie vom "fürchterlichen Gesetz des Determinismus" nicht gehorchte, sondern dass er den ihm zugewiesenen Platz verließ und sozialen Aufstieg realisierte.
Welch eine Verwirrung. 

Was Eribon macht ist allerdings ein gern gespieltes Melodram in Paris, das vom Intellektuellen handelt, der sich herzergreifend an die Brust klopft und mit erstickter Stimmer röchelt: Ich bekenne mich schuldig, ich habe Fehler gemacht - und ansonsten wie bisher lustvoll weitermacht im Spiel um die Deutungshoheit im intellektuellen Kleinklima. Dieses Stück hat man schon in Zeiten des Nachkriegskommunismus gespielt und Eribon spielt eine tragende Rolle mit neuem Text, aber alter Melodie  (und erzielt damit einen Megaseller in Deutschland): Ich habe falsch gehandelt, meine Klasse verraten, kann aber belesen beweisen, warum alles so gekommen ist. Wir kennen diese Melodie.


V. Gibt es denn nichts Positives anzumerken?

Doch, es gibt auch sehr berührende Momente in seiner Schamanalyse. So, wenn er die Erweckungserlebnisse beschreibt, die sich ihm als Schüler und später als junger Student  bei der Lektüre ihm noch gänzlich fremder Autoren einstellten. Berührende Darstellungen seiner Faszination für vi-Strauss, Simone de Beauvoir, ‘Duras und Lenin’ und vor allem für das soziale Umfeld dieser Lektüren, denn "Ich fühlte mich von diesen mythischen Wesen, von den 'Studenten im Quartier Latin', die 'angesagte' Bücher lasen, ausgeschlossen, verspürte aber auch eine entfernte, vage, noch nicht formulierte Lust, einer von ihnen zu werden." (S.115).
Später, als junger Student, begeistert er sich für Sartres 'Saint Genet'. "Es war mir ein Überlebensratgeber, ein Handbuch mich selbst zu erfinden" (S.127). Wen würde das nicht berühren?

Ebenso überzeugt hat mich die Darstellung des Schicksals seiner beiden Großmütter, den Beschränkungen in ihrem Leben und den verzweifelten, aber letztlich ergebnislosen Versuchen, dem Elend zu entkommen - fast wie bei Annie Ernaux.

Hätte Eribon all diese berührenden Momente nicht mit einer dicken Sauce Sekundärliteratur übergossen und einer überreichlichen Sättigungsbeilage namens Theorie versehen, hätte es ein gutes Buch werden können. Aber leider, leider schreibt er zu seiner frühen Lektüre: 
“Es war das Glück einer Unterscheidung und Abspaltung, in dem die Voraussetzungen und Versprechungen des sozialen Aufstiegs schon sichtbar wurden. All das ist nicht besonders ruhmreich, das gebe ich gerne zu. Aber vielleicht war es notwendig. Und es ist die Wahrheit. Ich muss sie aussprechen." (S.117)
(In diesem Satz ist wieder alles enthalten, was ich Eribon vorwerfe: Larmoyanz, Eitelkeit, Selbstanklage. Man kann sich den Autor auch gut in einer Rolle als Angeklagter vor einem stalinistischen Schauprozess vorstellen.)

Es bleibt ein Buch voller weinerlicher Selbstanklagen, peinlichen Entschuldigungen und stellenweise einer gehörigen Portion Größenwahn. Im Grunde ungenießbar.


Schlusswort 1
Mit Sabine rede ich sehr oft über das Buch, vor allem wenn ich mich mal wieder richtig ärgere. Sie fragt mich, warum ich mir das antue, ich könne das Buch doch einfach beiseite legen. Ich hätte auf sie hören sollen.

Schlusswort 2
Gilles Deleuze: „Les intellectuels ont raison de se taire“ 







There's room at the top they're telling you still
But first you must learn how to smile as you kill
If you want to be like the folks on the hill
A working class hero is something to be
A working class hero is something to be
If you want to be a hero well just follow me
If you want to be a hero well just follow me


VI. Zum Weiterlesen:

Eribon und die Kraft der Scham
Von Oliver Nachtwey SZ vom 10.10.2017
http://www.sueddeutsche.de/kultur/gegenwartsdiagnose-kraft-der-scham-1.3688157

Didier Eribon: "Gesellschaft als Urteil " Paradoxien der Scham
Deutschlandfunk LESART | Beitrag vom 19.10.2017
Von René Aguigah http://www.deutschlandfunkkultur.de/didier-eribon-gesellschaft-als-urteil-paradoxien-der-scham.1270.de.html?dram:article_id=398613 

René Scheu:  Denkt so ein Arbeiterkind?
NZZ 28.11.2017
https://www.nzz.ch/feuilleton/denkt-so-ein-arbeiterkind-ld.1332846  

Didier Eribon und Geoffroy de Lagasnerie:Immer schön kritisch
Von Alexander Cammann Zeit Online 9. Oktober 2017
http://www.zeit.de/2017/41/didier-eribon-geoffroy-de-lagasnerie-franzoesische-linke 




Samstag, 13. Januar 2018

Meine Straße

Meine Straße ist eigentlich eine Sackgasse, aber eine richtige Gasse ist es auch wieder nicht. Es gibt zwar keine Bürgersteige wie bei einer städtischen Gasse, doch die Häuser stehen nicht eng an eng am Straßenrand, sondern locker mit Abstand zur Straße. Es gibt freie Flächen, unbebautes Land, Vor- und Hintergärten und an manchen Stellen einfach Baumaterial, das rumsteht und auf Gebrauch wartet.




Die Häuser haben maximal 2 Geschosse und die ältesten sind höchstens 80 Jahre alt und stammen aus verschiedenen Epochen seither. Sie sind gepflegt, modernisiert und werden von Familien bewohnt, die weder reich noch arm sind, solider Mittelstand mit Hang zum Do-it-yourself und zur Nachbarschaftshilfe. Nichts ist schon endültig, alles noch im Fluss, Veränderung ist der Normalzustand, und dennoch wirkt alles gelassen und in sich ruhend.



Sackgasse wiederum heißt, es gibt keinen Durchgangs- sondern nur Anliegerverkehr und es sind mehr Fußgänger unterwegs als Autos. Man grüßt sich vertrauensvoll, streichelt den Hund des Nachbarn. An warmen Tagen stehen nachmittags die Erwachsenen auf der Straße und unterhalten sich, die Männer gerne mal mit einer Flasche Bier in der Hand.
Aber das schönste ist: Es ist eine Straße mit Kindern.



Kein Tag vergeht, ohne das drei vier oder mehr Kinder im Alter zwischen 2 und 5 Jahren in meiner Straße zu sehen sind. Bei jedem Wetter und jeder Temperatur fahren sie mit ihrem Bobby-Car, mit dem Laufrad, dem Fahrrad oder auch auf Rollschuhen die Straße vor und zurück, oder sie spielen im Sand der Baustelle mit ihren Gerätschaften.



Sven ist selten ohne seinen Kinder-Werkzeugkasten unterwegs und bedient schon souverän seine Werkzeuge, die Plastikbohrmaschine und die Kettensäge. Louisa fegt mit ihrem rosa Kinderfahrrad über die Straße, stolz auf den rosaroten Schutzhelm. Ihr Zwillingsbruder Mario erkundigt sich immer, wohin ich gehe, was ich eingekauft habe, und überhaupt ...
Björn von gegenüber hilft seinem Vater bei der Umgestaltung des Gartens und der Befestigung der Böschung, und natürlich wird er dabei von Sven tatkräftig unterstützt.

Manchmal bemalen die Kinder mit farbiger Kreide das Verbundpflaster an unserem Haus und freuen sich über die Muster, die sie uns stolz präsentieren. 




Auf dem Nachbargrundstück steht ein Trampolin mit Käfig. Ältere Kinder hüpfen, und ihr Kreischen macht die Jüngeren neidisch.

Ich sitze im Sommer auf der Terrasse, im Winter oft vor dem Fenster, schaue und freue mich.




Nur vormittags ist wenig los. Dann sind alle Kinder im Kindergarten, der praktischerweise direkt am Anfang der Straße liegt.




Meine Straße ist eine ganz besondere Straße mit viel Herz.