Freitag, 21. Juli 2017

Vier mal Frankreich: von Unten, von der Mitte und von Oben

Präsidentschaftswahl 2017 1.Wahlgang - NF/Le Pen: Dunkelblau


Im Juni 2017 scheint wieder vieles klarer zu sein: Bei den Wahlen zur Nationalversammlung erreichte der rechtsextreme Front National nur 8 Mandate, das waren zwar 6 mehr als noch bei der letzten Wahl , aber mit 8,8% der Stimmen weit weniger als man nach den Präsidentschaftswahlen (Le Pen: 33,9% im 2. Wahlgang) und den Regionalwahlen im Dezember 2015 (ca. 28% im 1. Wahlgang) befürchten musste.

Links dazu:
http://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/europa/regionalwahlen-in-frankreich-herbe-niederlage-fuer-front-national-13964572.html
https://de.wikipedia.org/wiki/Pr%C3%A4sidentschaftswahl_in_Frankreich_2017#Ergebnisse_2
https://de.wikipedia.org/wiki/Parlamentswahl_in_Frankreich_2017


Ist also alles in Ordnung in Frankreich?

Ich habe im Vorfeld der letzten beiden Wahlen 4 Bücher gelesen, die ich hier vorstellen möchte. Es sind Bücher, wie ich sie gerne lese, weil sie im Grunde klassische Milieustudien sind. Dafür sehe ich es auch mal nach, wenn sie erzählerisch nicht so viel hergeben. Vielleicht helfen sie aber die Lage besser zu verstehen.



In der Reihenfolge ihres Erscheinens:

  • Diedier Eribon, «Rückkehr nach Reims» (2009; dtsch 2015)
  • Edouard Louis: «Das Ende von Eddy» (2014; dtsch. 2015)
  • Michele Houellebecq, «Die Unterwerfung» (2015; dtsch. 2015)
  • Jerome Leroy, «Der Block» (20111; dtsch 2017)


Demnächst mehr!

Didier Eribon: Rückkehr nach Reims




Klappentext:
Als sein Vater stirbt, reist Didier Eribon zum ersten Mal nach Jahrzehnten in seine Heimatstadt. Gemeinsam mit seiner Mutter sieht er sich Fotos an – das ist die Ausgangskonstellation dieses Buchs, das autobiografisches Schreiben mit soziologischer Reflexion verknüpft. Eribon realisiert, wie sehr er unter der Homophobie seines Herkunftsmilieus litt und dass es der Habitus einer armen Arbeiterfamilie war, der es ihm schwer machte, in der Pariser Gesellschaft Fuß zu fassen. Darüber hinaus liefert er eine Analyse des sozialen und intellektuellen Lebens seit den fünfziger Jahren und fragt, warum ein Teil der Arbeiterschaft zum Front National übergelaufen ist. Das Buch sorgt seit seinem Erscheinen international für Aufsehen. So widmete Édouard Louis dem Autor seinen Bestseller Das Ende von Eddy.


Insgesamt war für mich die Lektüre zwiespältig: Einerseits stört mich ein larmoyanter (vor allem im Kapitel I.2 und II.4), streckenweise arroganter Ton (S.80) und eine für einen Soziologen auffallend konfuse Begriffsbildung für ein und dieselbe soziale Gruppe: Arbeiterklasse, untere Schichten, populäre Klassen, populäre Milieus (S.37) etc. Auch sind  Theorie-Exkurse im Abschnitt IV zu Bourdieu etc. für mich wenig ergiebig. 

Andererseits fasziniert mich seine präzise und durchaus schonungslose Beschreibung des sozialen Milieus im Vor- und Nachkriegs-Reims und dessen Wandel, dem Eribon entstammt: Es ist die Biographie eines 'Klassenflüchtlings', seiner Eltern und Großeltern. 
Wie ist es Eribon gelungen diesem Milieu zu entkommen? Wie gelingt ihm der Aufstieg vom schwulen Unterschichtskind zum Intellektuellen? Was waren fördernde, was hinderliche Faktoren des Auf- und Ausstiegs? 

In den Mittelpunkt seiner „Rückkehr nach Reims“ stellt Eribon eine andere Frage:
"In meiner Kindheit [...] ist meine gesamte Familie 'kommunistisch' gewesen [...]. Wie konnte es dazu kommen, dass man in derselben Familie wenig später rechte oder rechtsextreme Parteien wählte und dies sogar manchmal als die 'natürliche' Wahl empfand?" (S.117)

Eribon gibt 2 Antworten:
 "Hätte man aus dem, was tagtäglich in meiner Familie gesprochen wurde, ein politisches Programm stricken wollen, es wäre, obwohl man hier links wählte, dem der Rechtsextremen wohl ziemlich nahe gekommen." (S.133)
und 
"Vielleicht ist das Band zwischen der 'Arbeiterklasse' und der Linken gar nicht so natürlich, wie man gerne glaubt. Vielleicht handelt es sich dabei einfach um das Konstrukt einer bestimmten Theorie (des Marxismus), die alle anderen Theorien ausgestochen hat und bis heute unsere Wahrnehmung der sozialen Welt sowie unsere politischen Kategorien bestimmt." (S.141) 

Das ist eine spannende Frage mit zwei bitteren Antworten - leider nimmt Eribon seine Antworten selbst zu wenig ernst. 




Liest man Eribons Familiengeschichte, so fällt auf, dass der politische Wechsel von Links nach Rechts eine verblüffende und gleichzeitig verstörende Konstante hat: Es ging und geht immer noch um den alten Gegensatz: „Wir gegen Sie“ (S.39; S.137f). Nur das Gegenüber wurde im 21. Jahrhundert ausgetauscht, nicht die Konstellation. Statt gegen 'die da oben' nun gegen 'die da unten'. Der Klassenhass wird durch den Rassenhass ersetzt.

Eribon will das aber nicht zur Kenntnis zu nehmen. 
Für ihn ist der Wechsel von Links nach Rechts Ergebnis des Umschwenkens der 'Linken' ins neoliberale Lager, des Verrats der Linken an der Arbeiterklasse, ihrer „Modernisierung“, wie er auch in Interviews immer wieder betont*. Der Wechsel ist nicht Ergebnis sozialer Veränderungen vor Ort oder Ergebnis der Maghrebisierung der französischen Gesellschaft. (Bei letzterem scheint mir bezeichnend zu sein, dass der Siegeszug des FN im Süden Frankreichs begonnen hat, nicht im industrialisierten und später entindustrialisierten Norden!)

Laut Eribon könne auch nur die Rückkehr der Linken, im Speziellen der Parti Socialiste zu ihren alten politischen Ideen und Konzepten eine erfolgversprechende Strategie gegen den Aufstieg des FN sein und die Gesellschaft dem Heil wieder näher bringen. 




Damit hängt er aber einem marxistischen Denken an, das in den 70er Jahren populär war und in Frankreichs intellektuellen Kreisen vermutlich noch immer ist. Zur Gegenwartsanalyse trägt das aber nichts Überzeugendes bei und ist in meinen Augen nur noch lächerlich. Den ‚Neoliberalismus‘ für alles verantwortlich zu machen, was schief läuft, ist ein Zeugnis für Denkfaulheit und nicht für marxistische Analyse

Ich setze eine steile These dagegen: 
Ursache für den politischen (nicht kulturellen, denn kulturell war die Arbeiterklasse immer konservativ bis rechts) Rechtsschwenk der 'Arbeiterklasse' ist nicht der Popanz 'Neoliberalismus' und die sich daraus ergebende soziale Ausgrenzung einer ganzen Bevölkerungsgruppe, sondern in erster Linie der soziale Wandel von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft, die Auflösung des sozialen Milieus der politisch gebildeten Industriearbeiterschaft und damit einhergehend die Ausdünnung der politischen Vertreter der Arbeiterklasse durch sozialen Aufstieg.

Früher war die Arbeiterbewegung auch eine Arbeiterbildungsbewegung mit Lesekreisen, Buchgenossenschaft, Fortbildungsveranstaltungen, Kulturvereinen etc. Sie umfasste nicht nur ein breites Spektrum an Freizeitaktivitäten sondern bot für alle Lebenslagen Hilfe und Unterstützung an. In diesem Milieu war sozialer Aufstieg möglich als Gewerkschaftsfunktionär, Parteisoldat, Lokal- und Regionalpolitiker (in Deutschland zusätzlich: Funktionär bei Sozialverbänden wie AWO, VdK etc.), d.h. Bildung führte früher zum Aufstieg als Funktionär innerhalb der Klasse.

Die Auflösung des sozialen Milieus, die Vereinzelung ihrer ehemaligen Mitglieder und ihre 'Verbürgerlichung', wie Eribon S.79 beklagt, hervorgerufen durch höhere Einkommen und verbesserte Konsummöglichkeiten im Vergleich zur Vorkriegszeit und, nicht zu unterschätzen, die Einflüsse der Kulturindustrie in Gestalt des Einzugs des Fernsehens als Leitmedium, führte nicht nur dazu, dass die traditionellen Kultur- und Freizeiteinrichtungen sich auflösten sondern auch dazu, dass heute eine Karriere als Funktionär weder attraktiv noch möglich ist. Sozialer Aufstieg durch Bildung ist jetzt nur noch möglich durch Ausstieg aus der sozialen Klasse. 

In der Vorkriegszeit und noch danach wäre Eribon wahrscheinlich Partei- oder Gewerkschaftsfunktionär geworden und irgendwann vielleicht sogar in Paris angekommen. In der Zeit des wirtschaftlichen Aufschwungs der 60er Jahre wurde er erst Student und dann Hochschullehrer und landete auf diesem Weg in Paris bzw. heute in Amiens.

Zurück bleibt eine verunsicherte, sich bedroht fühlende Gesellschaftsschicht, die keine akzeptierten Ansprechpartner mehr hat, sondern Beute von Extremisten ist, die ihre Ängste aufnimmt, die zwar nicht MIT ihr spricht, aber immerhin ZU ihr und das Gefühl vermittelt: Hier werden meine Ängste ausgesprochen, hier sind wir ‚chez nous‘. Exemplarisch vorgeführt haben dies Donald Trump und Marine Le Pen, die sich in ihrer Demagogie gleichen wie ein Ei dem anderen.
Die Beschwörung glorreicher vergangener Zeiten einer dominanten Linken und eine Rückkehr zu deren Ideen wird dem aber nicht Einhalt gebieten können. Auch das haben die letzen Wahlen in Frankreich gezeigt.


Für mich ist noch ein anderer Aspekt des Buches unbefriedigend: die kaum reflektierte Rolle der Bildung beim sozialen Aufstieg vom Arbeiterkind zum Intellektuellen. Einerseits kritisiert Eribon den Klassencharakter des franz. Gesamt(!)schulsystems, andererseits betont er, "die schulische Selektion basiert oft auf Selbstexklusion und Selbsteliminierung, die Betroffenen reklamieren ihren Ausschluss als Resultat ihrer eigenen Wahlfreiheit" (S.44), ohne zu sehen, dass der erste Satz im Widerspruch zum zweiten steht. 

Da er ja offensichtlich von diesem Schulsystem profitiert hat, hätte ich von ihm als Soziologen erwartet, dass er sich mehr damit auseinandersetzt, warum IHM der Aufstieg möglich war, seinem nahezu gleichaltrigen Bruder aber nicht. Die Andeutungen zur Rolle seiner Mutter in diesem Prozess sind mir zu dürftig,** und seine eigene Erklärung, nur durch Abgrenzung vom eigenen Milieu sei das möglich geworden, erklärt letztlich nichts.

Zur Rolle von Bildungsneugier, Schule und einzelnen Lehrern beim sozialen Aufstieg, kann man in den Romanen von Ulla Hahn ‚Das verborgene Wort‘ und 'Aufbruch' mehr erfahren https://de.wikipedia.org/wiki/Aufbruch_(Roman)


Insgesamt ist das Buch von Didier Eribon also eine verstörende, aber auch zwiespältige Lektüre mit vielen spannenden Fragen, aber leider ohne befriedigende Antworten.


Anmerkungen / Links:

* So zuletzt im Interview "Der Zeitgeist ist faschistoid" vom 6.4.2017:

„In den 80er-Jahren war die Kommunistische Partei quasi verschwunden und die sozialdemokratischen Linken wollten sich modernisieren. Bei diesem Prozess wurden alle Ideen und Diskurse zu Unterdrückung und Klassenkampf aufgegeben. Eigentlich alles, was bisher die Linke charakterisierte. Die Unterschiede zwischen Marx und Tocqueville, zwischen Jean-Paul Sartre und Raymond Aron usw. gab es nicht mehr. Die Linken haben einfach den Neoliberalismus übernommen.Es gab auf einmal keine "Arbeiterklasse" mehr, sondern "Verlierer der Globalisierung". Die Feinde waren nicht mehr die Besitzer und die Bourgeoisie, sondern die Privilegierten und die Migranten. Das Vokabular hat sich verändert, und damit auch die Wahrnehmung der Realität und schließlich die Wahl: Die Linken haben die Probleme der Unterschichten vernachlässigt, ihre Wählerschaft hat sie für den Front National verlassen. Dies geben viele linke Intellektuelle ungern zu. Ein solcher Wandel zeigt nämlich, dass es keine natürliche Verbundenheit zwischen den Unterschichten und den Linken gibt. Besser ist es aber, eine Realität anzuerkennen, um sie analysieren und eventuell ändern zu können.“
**"Meiner Mutter habe ich es aber auch zu verdanken, dass ich aufs Gymnasium gehen und dann studieren konnte. Sie hat es nie ausdrücklich gesagt, aber ich denke, sie sah in mir jemanden, der mit ihrer Hilfe eine Chance wahrnehmen konnte, die ihr selbst verwehrt blieb. Ihre enttäuschten Träume konnten sich durch mich verwirklichen." (S.75)


Weiterführende Links:

Zurück auf Los: Der Literaturclub im Dezember SRF. Teilnehmer: u.a. Elke Heidenreich, Philipp Tingler

Negative Leidenschaften. Mit „Rückkehr nach Reims“ liefert Didier Eribon eine Selbsterkundung aus der Täterperspektive.
Von Christian Mariotte

D. Eribon: Rückkehr nach Reims
Rezensiert für H-Soz-Kult von Onur Erdur, Institut für Kulturwissenschaft, Humboldt-Universität zu Berlin

Ein neuer Geist von ’68
Die Präsidentschaftswahl in Frankreich führt uns vor Augen, in welcher Krise sich das linke Denken befindet. Sie zeigt aber auch, wie wir es erneuern können. Ein Gastbeitrag von Didier Eribon, 18.4.2017

Aktuell:
Die 'Rückkehr nach Reims'wurde in diesen Tagen von Thomas Ostermeier als Theaterstück adaptiert, in Manchester uraufgeführt und soll im September in Berlin auf den Spielplan kommen:




Montag, 3. Juli 2017

Gelesen: Irène Némirovsky "Suite Francaise"


Klappentext:
Über 60 Jahre lag der Roman "Suite francaise", das Vermächtnis der einstigen französischen Starautorin Irene Nemirovsky, in einem Koffer, bis der Zufall dieses Sittengemälde aus den Zeiten des Zweiten Weltkriegs ans Licht brachte. "Suite francaise" erzählt mitten aus dem Krieg - als sei die Zeit angehalten. Der erste Teil "Sturm im Juni" schildert die Zeit im Sommer 1940, als die deutsche Armee vor Paris steht und die Bewohner fluchtartig die Stadt verlassen. Der zweite Teil "Dolce" spielt 1942 in einem von den Deutschen besetzten Dorf in der Provinz. Irene Nemirovsky hält in ihrem Roman Frankreich einen Spiegel vor. Mit luzidem psychologischen Blick beobachtet sie ihre Mitmenschen, beschreibt Niedertracht und Selbstgefälligkeit, Hoffnung und Illusion, Lebensgier und die große Sehnsucht nach Frieden. 

Der erste Teil ("Sturm im Juni") des ursprünglich auf fünf Teile angelegten Werkes, ist eine eindrucksvolle Darstellung des Zusammenbruchs Frankreichs im Frühsommer 1940, der chaotischen Flucht aus dem gefährdeten Paris und dem Zerfall jeglicher sozialen Ordnung und Humanität, dargestellt anhand verschiedener sozialer Phänotypen (die Bankiersfamilie Pericand, die aufrichtigen Michauds, der dekadente Dichter Gabriel Corte und seine Mätresse, der Dandy Langelet). 

Ich musste beim Lesen immer wieder an ein anderes Buch denken, das ich kurz zuvor gelesen habe: Emile Zola, Der Zusammenbruch, das den 1870/71er-Krieg,und vor allem die Schlacht bei Sedan, zum Inhalt hat. Auch bei Zola steht die militärische Niederlage, das völlige Versagen der politischen Führung und der soziale und moralische Verfall führender Gesellschaftsklassen im Mittelpunkt des Romans. Wie Zola ist auch Irène Némirovsky unmittelbar Augenzeuge der Ereignisse und berichtet sozusagen embedded fotografisch genau, geradezu dokumentarisch über das Ausmaß der Katastrophe, die Frankreich innerhalb von 70 Jahren zweimal hinnehmen musste. 

Der 2. Teil, "Dolce", schildert den Alltag und das Zusammenleben von Einheimischen und Besatzern im Jahr nach der Niederlage in einem französischen Dorf in der besetzten Zone.  Am meisten hat mich die nahezu durchweg positive Darstellung der deutschen Besatzer überrascht und gleichzeitig irritiert. Nicht grau-grüne Masse sondern individualisierte Vertreter der Besatzungsmacht werden dem Leser präsentiert, physisch attraktiv, diszipliniert und höflich, und in einem Fall im wahrsten Sinn des Wortes liebenswert.  Dagegen ist die Einstellung gegenüber manchen Einheimischen (hier vor allem in Gestalt der Montorts und Labarins), weiterhin ablehnend. Letzteres resultierte sicher daraus, dass sich Irene L. als emigrierte Russin und Jüdin, trotz ihrer Konversion zum Katholizismus, vom Vichy-Frankreich verraten und verkauft fühlte - und auf grausame Weise Recht bekam in diesem Gefühl.

Irène hat hier sehr bewusst ihr Lebensmotto literarisch umgesetzt, wie man im Anhang des Buches (S.447) lesen kann: 
"Hiermit schwöre ich, daß ich meinen Groll, so gerechtfertigt er sein mag, nie mehr auf eine Masse von Menschen übertragen werde, unabhängig von Rasse, Religion, Überzeugung Vorurteilen, Irrtümern. [...] Individuen dagegen kann ich nicht verzeihen, denjenigen, die mich verstoßen, denjenigen, die uns kaltblütig fallenlassen, denjenigen, die bereit sind, dir gegenüber jede Gemeinheit zu begehen."
I.R. war nicht naiv. Drei Tage zuvor, am 25. Juni 1941, schreibt sie sarkastisch in ihr Notizbuch: "Ich habe meinen Füller verloren. Es gibt noch andere Sorgen wie z.B. drohendes Konzentrationslager, Status der Juden usw." Sie ahnte, was ihr bevorstand.

Was die Faszination angeht, die die jungen Soldaten und Offiziere auch auf I.R. ausübten, die Ästhetisierung des Militärischen, war sie damals nicht alleine auf weiter Flur. Ich erinnere mich noch sehr gut an die schockierende Lektüre von Sartres tagebuchartigem Roman "Der Pfahl im Fleische" in den späten 80er Jahren. Ich hatte die Stelle markiert, die mir so ungeheuerlich vorkam:
"Daniel hörte in der Ferne Militärmusik, es kam ihm vor, als füllte sich der Himmel mit Fahnen, und er musste sich an eine Kastanie lehnen. Allein auf diesem langen Boulevard, einziger Franzose, einziger Zivilist, und die gesamte feindliche Armee sah in an. Er hatte keine Angst, er überließ sich vertrauensvoll diesen Tausenden von Augen, er dachte: Unsere Sieger!', und Wollust umfing ihn. Er erwiderte kühn ihren Blick, er mästete sich an diesen blonden Haaren, diesen wettergebräunten Gesichtern, in denen die Augen wie Gletscherseen wirkten, an diesen schmalen Taillen, diesen unglaublich langen und muskulösen Schenkeln. Er murmelte: 'Wie schön sie sind!'*
(Es gibt vielfältige Äußerungen dieser, oft unverkennbar homo-erotischer Art, wie durch eine französische Studie aus dem Jahr 2010 bekannt wurde; siehe http://www.deutschlandfunk.de/erotische-invasion-der-wehrmacht.691.de.html?dram:article_id=51834  Ich möchte aber darauf hinweisen, dass Sartre keinerlei Sympathie gegenüber den deutschen Besatzern hegte!)
* Jean-Paul Sartre, Der Pfahl im Fleische. Rowohlt, Hamburg, Erste Auflage der Neuübersetzung Februar 1988, S.93

Ein familienbiographischer Schlenker:
Geschichte wiederholt sich ja gerne, und so auch in diesem Fall. In meiner Heimatstadt Rastatt notiert ein katholischer Pfarrer nach dem Einmarsch der französischen Armee im Sommer 1945 notiert:
"Nach wenigen Tagen gab es unter den Frauen und Mädchen genügend "Freiwillige", sodaß die Vergewaltigungen bald nachließen! - Es ist eine vernichtende Verurteilung der vielgeprießenen "Deutschen Ehre", wenn ein geflügeltes Wort unsere Feinde sprechen läßt: "Um den deutschen Soldaten zu besiegen, brauchten wir 6 Jahre; um die deutsche Frau zu besiegen, genügt 1 Tag!". - In ganz würdeloser Weise haben leider auch Frauenpersonen aus unserer Pfarrei sich den Besatzungs-Soldaten " in die Arme geworfen".
Meine Mutter dazu: "Man muss das verstehen: Alle hatten ungeheuren Hunger, nach Brot, nicht unbedingt nach Liebe, und deshalb kam es zu den vielen Kontakten und zu vielen Heiraten zwischen deutschen Frauen und französischen Soldaten. Ich verurteile das nicht."
(Meine Familie blieb von der Fraternisation  ebenfalls nicht unberührt, wie ich schon im Blog vom 12. Mai schrieb: http://reinerw.blogspot.de/2017/05/la-france-franzosisch-and-me-eine.html) 


Alles in Allem: Das Buch ist verstörend, weil die Autorin Klischees vermeidet und selbst bei den Besatzern Menschlichkeit sieht, und es ist tragisch, weil ihr das letztlich nichts genützt hat. Sie wurde von dem gleichen System ermordet, in dem sie nur Individuen erkennen wollte – fast genau ein Jahr nach dem chronologischen Ende des Romans.

Biographische Notiz-
Irène Némirovsky wurde am 12. Juni 1942 verhaftet und starb am 17. August 1942 in Auschwitz-Birkenau an Entkräftigung.
Ihr Mann Michel Epstein wurde unter der Vichy-Regierung im Oktober 1942 verhaftet und am 6. November von Drancy nach Auschwitz deportiert und sofort ermordet.
Mehr bei Wikipedia:
https://de.wikipedia.org/wiki/Ir%C3%A8ne_N%C3%A9mirovsky
Zu den beiden Romanen:
https://de.wikipedia.org/wiki/Suite_fran%C3%A7aise

Montag, 26. Juni 2017

Gelesen: Ein Nachtrag zu Curzio Malaparte

https://de.wikipedia.org/wiki/Seek%C3%BChe


Malaparte beschreibt in seinem Roman 'Die Haut' S.229ff (siehe mein Post vom 13.5.2016 ) ein Bankett im besetzten Neapel, das zu Ehren des amerikanischen Generals Cork (real: Mark Clark) gegeben wird. Da der General eine Vorliebe für Fisch hat, wird ihm zu Ehren bei jeder Mahlzeit Fisch serviert. Im noch umkämpften Süditalien des Jahres 1944 gibt es aber praktisch keinen Fisch zu kaufen, deshalb wird nach und nach das neapolitanische Aquarium exotischer Fische geplündert um dem General zu gefallen. Das ist historisch belegt.

Der Autor schildert einen gespenstischen Aufzug der Diener während eines Banketts, die als Höhepunkt des Abends ein seltsames Wesen auf einem riesigen Tablett servieren, das wie ein junges Mädchen aussieht und als 'Sirene in Mayonnaise mit Korallen garniert' präsentiert wird. Malaparte schreibt: 
In diesem Augenblick öffnete sich die Tür, und auf der Schwelle erschienen, hinter dem Haushofmeister, vier Diener in Livree; sie trugen, wie es früher Sitte gewesen, auf einer Art kleiner Tragbahre [...] einen enormen Fisch auf einer riesigen Platte aus massivem Silber. Ein "Oh!" der Freude und Bewunderung ertönte rings um die Tafel, und mit den Worten: "Das ist die Sirene!" wandte sich General Cork mit einer Verbeugung an Mrs. Flat.
[...]Wir blickten alle auf den Fisch und erschraken. Ein schwacher Schrei des Entsetzens entrang sich Mrs. Flats Lippen, und General Cork wurde bleich. 
Ein Mädchen, etwas, was einem jungen Mädchen ähnlich sah, lag auf dem Rücken in der Mitte der Silberplatte ausgestreckt, auf einem Bett aus grünen Lattichblättern, innerhalb einer großen Girlande rosenroter Korallenzweige. Ihre Augen waren geöffnet, der Mund halb geschlossen: sie schaute mit einem verwunderten Blick auf den "Triumph der Venus", den Luca Giordano an die Decken gemalt hatte. Sie war nackt; aber die dunkel glänzende Haut, von derselben Farbe wie Mrs. Flats Kleid, modellierte, genau wie ein enganliegendes Kleid, ihre noch herben, aber schon harmonischen Formen, die weiche Rundung der Hüften, die leichte Erhebung des Bauches, die kleinen jungfräulichen Brüste, die breiten, vollen Schultern. 
Sie mochte nicht älter als acht oder zehn Jahre sein, obgleich sie auf den ersten Blick wie fünfzehn wirkte, so voll entwickelt, so frauenhaft waren ihre Formen. (S.229f)
Die dargereichte Gabe erregt allgemein erhebliches Aufsehen und bei den Anwesenden Amerikanern noch mehr Abscheu. Es bleibt offen, ob da nicht wirklich ein menschliches Wesen serviert wird. 

Malaparte erläutert der Tischgesellschaft:  
"In Europa sind die Fische frei, wenigstens die Fische! Niemand verbietet es einem Fisch, auszusehen, was weiß ich, wie ein Mensch, wie ein Mädchen, wie eine Frau. Und das hier ist ein Fisch, selbst wenn...Im übrigen, was glauben Sie denn hier zu essen vorzufinden, in Italien? Die Leiche Mussolinis?" (S.237)

Den Fisch/das Mädchen aber zu essen stößt auf strikte Ablehnung, insbesondere bei den weiblichen Anwesenden der Tafel, deshalb soll der Korpus christlich begraben werden, auch wenn es, wie Malaparte einwendet, in Neapel keinen Friedhof für 'Fische' gibt.

Ist das nur gut erfunden oder vielleicht doch eine wahre Geschichte? Bei Malaparte weiß man nie.




Norman Lewis berichtet in seinem lesenswerten Tagebuch 'Neapel 44' (S.60), dass man in Neapel der festen Überzeugung gewesen sei, das an diesem Abend zubereitete, mit einer Knoblauchsoße versehene Prachtexemplar sei das Seekuhbaby aus dem Aquarium gewesen sei. Er sieht darin ein besonders gelungenes Beispiel für die Improvisationskunst der Neapolitaner!


Ich weiß nicht, was ich mehr bewundern soll: Die gerühmte Improvisationskunst der Neapolitaner oder den makaberen Humor von Malaparte, der aus einer gekochten Seekuh das mädchenhafte Wesen Sirene macht, wohl wissend, dass der zoologische Name für Seekuh Sirenia ist.


Malaparte wird bei Lewis auch auf S.110 erwähnt:
"Das gequälte Gesicht von Curzio Malaparte, den ich im Internierungslager von Padula vermutete, aus dem er aber offensichtlich entlassen worden war, tauchte kurz auf, und unter seinen Höflingen gewahrte ich einen britischen Offizier, der unter dem Bann seiner Umgebung nach allen Himmelsrichtungen grimassierte und gestikulierte."



Gelesen: Elena Ferrante, Meine geniale Freundin


Im Januar habe ich Elena Ferrante, Meine geniale Freundin,  Band 1 einer vierbändigen 'neapolitanischen Saga', gelesen. Eigentlich ganz schön und unterhaltsam, und dennoch habe ich einen Vorbehalt:

Rregelmäßig kaufe ich mir in der Darmstädter Traditionsbäckerei Bormuth ein 'Pain Paillasse', das ist ein sehr knuspriges Weißbrot mit sehr viel Luft im Laib. Zu Hause kann ich es dann kaum abwarten mir einzelne Scheiben abzuschneiden und mit Butter bestrichen zu essen. Manchmal lege ich noch etwas Wurst darauf oder ein Stück Käse, aber es geht auch ohne. In der Regel habe ich das ganze Brot bis zum Abend aufgegessen, denn ich kann das Verlangen danach nicht steuern - ich vermute, das liegt am Salz des Brotes, bin mir aber nicht sicher. Auf jeden Fall geht es mir hinterher nicht richtig gut, ich fühle mich übersättigt und kreide das dem Brot an.

So geht es mir auch  mit dem Roman von Elena Ferrante. Er geht beim Lesen runter wie geschnitten Brot, aber es bleibt ein Völlegefühl. Weniger wäre mehr gewesen. 

Mehr zu Ferrante an anderer Stelle:
https://radiergummi.wordpress.com/2016/09/09/elena-ferrante-meine-geniale-freundin-2/

https://radiergummi.wordpress.com/2017/02/26/elena-ferrante-die-geschichte-eines-neuen-namens/

Montag, 19. Juni 2017

Hail to the Chief oder: Von der Geschichte lernen heißt siegen lernen

Das scheint der Wahlspruch D.Trumps zu sein: Was bei Stalin, MaoTse-tung und Kim Il-sung funktioniert hat, kann nicht schlecht sein. 
 Ich bin mal gespannt, wann die ersten Schauprozesse folgen, denn das wäre der nächste Schritt nach den Untergebenheitserklärungen der engsten Mitarbeiter: